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Donnerstag, 08 April 2021 11:59

Was ist eigentlich Regelleistung? - Teil 6

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Geschätzte Lesezeit: 3 - 5 Minuten

Elektrische Energie ist das einzige Produkt, das immer wortwörtlich im selben Moment erzeugt werden muss, in dem es verbraucht wird. Dennoch ist sie praktisch immer im vollen Umfang verfügbar – ob nun in Anspruch genommen oder nicht. Wie geht das? Und können Galvanik-Anlagen vielleicht dazu beitragen, dass dies so bleibt?

3 Moment mal – gehen die Uhren wirklich richtig?

Abb. 22: Das in 2 Teile zerfallene UCTE-Netz [1]Abb. 22: Das in 2 Teile zerfallene UCTE-Netz [1]Doch dann geschah es: Am 8. Januar 2021 ereignete sich im UCTE-Netz der Paradefall eines vermiedenen großräumigen Ausfalls, als auf Grund „eines Störfalls“, wie es in der Meldung [1] hieß, diese Synchronzone um 14:05 h in einen nordwestlichen und einen südöstlichen Teil zerfiel (Abb. 22). Auch hier war im ersten Moment nach der Spaltung die eingespeiste Leistung im einen Teil zu hoch und im anderen zu niedrig. Ein Kuppelschalter zwischen zwei 400-kV-Sammelschienen löste wegen Überlast aus, woraufhin sich der vom südöstlichen zum nordwestlichen Teil fließende Strom auf einige andere Kuppelstellen aufteilte, die dann ebenfalls wegen Überlast öffneten – der bekannte Domino-Effekt. Tatsächlich soll der Südost-Teil in diesem Moment einen Leistungs-Überschuss von 6,3 GW und der Nordwest-Teil ein entsprechendes Defizit von 6,3 GW aufgewiesen haben! Kein Wunder also, dass es an den Übergangsstellen zu Überlastungen kam.

In dem Bericht [1] wird, wie so oft, die erste Überlastung als Ursache genannt – während vielmehr die spannende Frage ist, wie es zu einer solchen Überlast kommen konnte; denn sie ist nun doch erstmalig aufgetreten. Der Übersichtsbericht kündigt noch eine dezidierte Untersuchung und einen detaillierten Bericht einer speziellen Kommission an.

Die Frequenzen liefen nach der Trennung folgerichtig und nahezu schlagartig (innerhalb von 15 s) auseinander (Abb. 23). Natürlich lief die Frequenz im (nach Last bzw. Erzeugungsleistung) kleineren Teil schneller und weiter davon als im größeren. In Frankreich und Italien – gut und gern zwischen 500 km und 2000 km vom Ort des Geschehens entfernt und doch wirksam – wurden umgehend 1,7 GW an Last abgeschaltet. Dabei handelte es sich ausschließlich um hierfür vorgesehene (also ent- sprechend bezahlte) Lasten, wie aus dem Text hervorgeht. So kam es nicht zu einem „Lastabwurf“ in der fachsprachlichen Bedeutung des Wortes als Notfall-Maßnahme, sondern es handelte sich um klassische Regelleistung, die hiermit bestimmungsgemäß den nicht vereinbarten Abwurf anderer Lasten verhütete. Wohlgemerkt sieht die Selbstverpflichtung der ENTSO-E das Durchfahren eines Ausfalls von „nur“ 3 GW vor, doch 6,3 GW sind offenbar auch noch möglich – unterstützt durch andere, über HGÜ-Leitungen verbundene Verbündete der ENTSO-E: 420 MW konnten umgehend aus der Synchronzone UKTSOA und 60 MW aus der Synchronzone NORDEL (Abb. 2, GT 10/2020, S.1559) „flott gemacht“ werden. Das leistet nur ein Ver-bundnetz. Um 14:48 h waren die abge- schalteten Lasten wieder zugeschaltet, und bereits 20 Minuten später konnten die beiden Teilnetze wieder parallel betrieben werden.

Abb. 23: Verlauf in den beiden Teilnetzen nach der Spaltung [1]Abb. 23: Verlauf in den beiden Teilnetzen nach der Spaltung [1]

Dabei drängt sich jedoch die Frage auf, ob es nicht schon wieder ein Déjà-vu ist: War es eine schlaue Idee, die Netze so schnell wieder zusammenzuschalten? Dem Bericht [1] nach war dies dem Bestreben geschuldet, die abgeschalteten Lasten so früh wie möglich wieder zu versorgen. Nun war aber das Nordwest-Netz die ganze Zeit zu langsam und das Südost-Netz zu schnell gelaufen (Abb. 23). Jetzt stimmte in beiden Teilnetzen die Anzahl Perioden nicht mehr. Bei uns aber schienen danach die Synchronuhren wieder nachzugehen. Wenn man das diesseits korrigiert, gehen sie jenseits noch mehr vor als sie es nun ohnehin schon tun. Da es sich um den kleineren Teil handelt, ist der Effekt dort noch stärker als hier. Besser hätte man die beiden Teilnetze so lange separat laufen lassen, bis beide wieder gleiche Anzahl Perioden hinter sich gehabt hätten. Anders lässt sich dieser Fehler nun nicht mehr beheben als durch nochmalige gezielte Trennung. Man darf gespannt sein, was der endgültige Bericht zu diesem Punkt sagen wird.

4 Galvanik-Anlagen für schnell zugeschaltete Netzlasten

Warum wurde dann so schnell wieder zugeschaltet, sobald dies technisch möglich war, und nicht erst zum für den Netzbetrieb optimalen Zeitpunkt? Warum waren die vereinbarungsgemäß abgeschalteten 1,7 MW schon 43 Minuten später wieder versorgt? Wahrscheinlich, weil das Ungleichgewicht zwischen Nordwest und Südost zu dieser Zeit extrem war – und weil die zum Ausgleich erforderliche Regelenergie sehr teuer ist (Abb. 13, 14, GT 12/2020 S.1887).

Dieses Geld hätte sich die Galvanik-Industrie einstecken können – und hat sie zum Teil vielleicht auch; das ist nicht bekannt. Auf jeden Fall jedoch ist die Beteiligung am Regelleistungsmarkt für die Galvanik-Fachleute eine Überlegung wert. Nach Informationen der Bundesnetzagentur können sich seit November 2020 auch Teilnehmer, die sich nicht an der Regelleistung beteiligt haben, dennoch an der Regelenergie (Regelarbeit) beteiligen [2].

Literatur

[1] System Separation in the Continental Europe Synchronous Area on 8 January 2021 – 2nd update, ENTSO-E-Newsleter vom 26.01.2021, https://www.entsoe.eu/news/2021/01/26/system-separation-in-the-continental-europe-synchronous-area-on-8-january-2021-2nd-update
[2] Regelarbeitsmarkt gestartet, www.smard.de/page/home/topic-article/444/196354 

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 3
  • Jahr: 2021
  • Autoren: Stefan Fassbinder

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