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Montag, 20 Dezember 2021 10:59

Historischer Spaziergang durch Leipzig Teil 19: Galvanotechnik Leipzig (GTL) 1990 bis 1993 – eine wahre Wendegeschichte

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Geschätzte Lesezeit: 15 - 29 Minuten
Altes Rathaus Leipzig Altes Rathaus Leipzig

Als eines der prägendsten Ereignisse des Jahres 1990 ging die deutsche Wiedervereinigung in die Geschichte ein, nachdem bereits 1989 mit dem Mauerfall das Ende des Kalten Krieges faktisch besiegelt wurde. Auch zeichnete sich mit der Unabhängigkeitserklärung einiger Mitgliedsstaaten der Sowjetunion deren Ende ab, was dann 1991 tatsächlich geschah. Mit dieser 19. Fortsetzung findet die Artikelserie „Historischer Spaziergang durch Leipzig – der Wiege der Galvanotechnik in Deutschland“ nun ihren Abschluss.

Besonders einschneidend waren die Währungsunion, die Privatisierung der volkseigenen Betriebe am 1. Juli 1990 und das Agieren der Treuhandanstalt, auch für GTL, wie wir im Laufe dieses Artikels sehen werden.

Es folgten außerordentlich turbulente und ereignisreiche Jahre, die nicht ohne einschneidende Konsequenzen für GTL verliefen und Neugründungen von Firmen zur Folge hatten. Es war eine wirklich wilde Zeit, in der sich die Ereignisse überschlugen und ein Konzept das nächste ablöste. Es gab auch gute Ideen, die aber auf Grund der gegebenen Rahmenbedingungen nicht realisiert werden konnten.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit, ein den DDR-Bürgern unbekanntes Phänomen, ging um und bremste die Aufbruchstimmung. So gab es im Jahre 1990 in der Industrie in Leipzig 113 400 Beschäftigte. 1993 waren es noch 8000 und 2017 ist die Zahl auf ca. 25 000 wieder angestiegen (je nach Quelle schwanken diese Zahlen um mehr als 20 %). Die Angst war also berechtigt.

In diesem Teil des Historischen Spazierganges wird nur auf wesentliche Ereignisse bei GTL eingegangen. Weitergehende, detaillierte Information von der Abwicklung der Betriebsverkaufsstelle des Konsums bis zur Schließung des Betriebsferienheimes, den Aktivitäten der einzelnen Fachbereiche wie Produktion und Vertrieb, der Forschung und Entwicklung und vieles mehr können Sie in „Leipzig – die Wiege der Galvanotechnik in Deutschland“ Band IV nachlesen (s. u.). Dort wird auch auf die Entwicklung des Standortes von GTL nach 1993 eingegangen.

Unternehmensphilosophie für die zukünftige Galvanotechnik Leipzig GmbH

In der Zeit vom 30.4. bis 2.5.1990 unterzogen sich leitende Mitarbeiter des Betriebes im Betriebsferienheim in Hallbach im Erzgebirge eines Führungstrainings auf dem Gebiet der marktwirtschaftlichen Unternehmensführung unter Anleitung eines westdeutschen Unternehmerberaters. Das war eine typische Maßnahme, die zu dieser Zeit in vielen Betrieben in ähnlicher Form erfolgte. Dabei wurde folgende Unternehmensphilosophie der zukünftigen GTL GmbH unter dem Leitbild

Güte durch Tradition und Leistung“ = GTL

erarbeitet, Zitat stark gekürzt:

  • „Wir sind ein traditionsreiches Unternehmen – national und international anerkannt – auf den Gebieten der Galvanotechnik sowie der Elektrowerkzeuge – mit Sitz in Leipzig, einem weltweit bekannten Messe- und Handelsplatz.
  • Wir entwickeln, projektieren und installieren galvanische Ausrüstung mit hoher Komplettierung. Das Unternehmen fertigt weiterhin in der Sparte (GmbH) GTL- Elektrowerkzeuge, Bankschleifmaschinen und Zusatzgeräte.

Markt

  • Als größter Anlagenhersteller Europas sind wir Marktführer in der UdSSR und wichtiger Marktpartner weltweit.
  • Hauptziel ist es, die Marktführerschaft zu sichern und auszubauen. Aus Gründen der Risikoverteilung sind weitere Zielmärkte auszubauen: DDR, Osteuropa insgesamt, EU, Südamerika und Fernost.
  • Die Vermarktung der Elektrowerkzeuge wird mit hohem Qualitätsanspruch und entsprechender Verkaufsförderung von den bisherigen Märkten auf neue Marktsegmente ausgedehnt.

Leistungsanspruch

  • Das Leistungsprofil des Unternehmens wird geprägt durch Angebote kompletter, kundenorientierter Leistungspakete mit konsequentem, hohem Qualitätsanspruch.

Unternehmensaufbau

  • GTL vereinigt als GTL-Holding vier eigenständig wirtschaftende und gewinnverantwortliche Unternehmen.

  – GTL-Anlagentechnik: konventionelle Ausrüstungen und Anlagen der Galvanotechnik bis hin zu vollautomatischen Fertigungslinien.

  – GTL-Oberflächentechnik: chemisch-technische Erzeugnisse und Verfahrenstechniken für das gesamte Gebiet der Galvanotechnik.

  – GTL-Service: Beratung, Know-how, Lizenzen

  – GTL-Elektrowerkzeuge: hochwertige Bankschleifmaschinen und Zusatzgeräte für den Heimwerkerbedarf.

  • Jede Sparte arbeitet weitestgehend selbstständig, gewinnorientiert – nach abgestimmten Marktstrategien. Die Holding umfasst die für die Gesamtsteuerung erforderlichen Funktionen sowie betriebswirtschaftlich sinnvoll zu zentralisierenden Funktionen, soweit die Eigenverantwortung nicht gefährdet wird.
  • Die bevorstehende Zusammenarbeit mit einer westdeutschen Fachfirma unterstützt die ökonomische Gestaltung des Unternehmens in Richtung: Leistungsinhalte, Innovation, Investition.
  • Die Angebotserweiterung erfolgt primär durch Produktdifferenzierung.
  • Forschung und Entwicklung sind zukunftsgerichtet und marktorientiert.
  • Der Eigenleistungsanteil orientiert sich konsequent an Kosten-Nutzen Abwägungen.

Verpflichtungen

  • Als mittelständiges Unternehmen leisten wir unseren Beitrag zur Entwicklung der Region.
  • Oberstes soziales Anliegen ist ein hohes Maß an langfristiger Sicherheit der Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter.
  • Notwendige Personalanpassungsmaßnahmen werden unter folgenden Grundsätzen durchgeführt:
  1. Nutzung jeder Chance der Umsetzung und Umschulung
  2. Personalabbau primär über natürliche Abgänge
  3. Aufbau einer innerbetrieblichen Weiterbildung und Ausbildung
  4. Berücksichtigung der Sozialauswahl bei Entlassungen
  5. Besetzung neuer Stellen über interne Stellenausschreibungen und Bevorzugung eigener Mitarbeiter.
  • Den ökologischen Anforderungen stellen wir uns durch das Angebot von

  – Abwassertechnik

  – Recycling

  – Abluftreinigung,

die eine hohe Umweltverträglichkeit unserer Anlagen und Verfahren garantieren.

  • Eine angemessene Verzinsung des eingesetzten Kapitals wird angestrebt durch mittelfristige gewinnorientierte Planung und arbeitsteilige Gestaltung der Arbeitsprozesse.

Aus heutiger Sicht war vieles in dieser Unternehmensphilosophie gut gedacht aber dennoch Träumerei und weit weg von der Realität. Mit einem besseren Unternehmensberater hätte man vielleicht die Situation realistischer eingeschätzt, an der Zukunft von GTL hätte sich aber wohl nichts geändert.

Im Ergebnis dieses Führungstrainings werden am 04.05.1990 durch Direktor F. Tätzner folgende Arbeitsgruppenleiter ernannt:

  – Arbeitsgruppe Holding

F. Tätzner, Direktor des Betriebes

  – Arbeitsgruppe Anlagentechnik

M. Kiefer, Direktor für Produktion

  – Arbeitsgruppe Oberflächentechnik

Dr. U. Vieweger, wissenschaftlicher Mitarbeiter Labor

  – Arbeitsgruppe Elektrowerkzeuge

P. Getzke, Direktor für Technik

  – Arbeitsgruppe Service

U. Spielvogel, Abteilungsleiter Absatz

Die Arbeitsgruppenleiter, die am Ende auch die von der Treuhand bestätigten vorläufigen Geschäftsführer sein werden, sind für die Vorlage eines personell untersetzten Strukturplanes für ihren Bereich bis zum 20.05.1990 verantwortlich.

Gründung der Galvanotechnik Leipzig GmbH im Aufbau

Am 23.6.1990 erfolgt im staatlichen Notariat in Berlin durch die vorläufigen Geschäftsführer und die Treuhandanstalt, vertreten durch E. Schulz, die Anmeldung von GTL zur Umwandlung in eine GmbH i. A.

Dazu wurden folgende Unterlagen eingereicht, daraus einige interessante Details:

1. Umwandlungserklärung und Liste über Grund und Boden
Die Erklärung wird von den fünf vorläufigen Geschäftsführern, F. Tätzner, M. Kiefer, Dr. U. Vieweger, P. Getzke und U. Spielvogel unterzeichnet.

2. Gesellschaftervertrag

  • das Stammkapital beträgt 33 Mio. M d. DDR
  • Organe der Gesellschaft sind die Geschäftsführer, die Gesellschaftsversammlung und der Aufsichtsrat
  • Der Gesellschaftsvertrag wird wie folgt geändert:

Reduzierung des Stammkapitals auf der Grundlage der DM-Eröffnungsbilanz auf 3 Mio. DM

Das Geschäftsjahr wird auf die Dauer von 18 Monaten festgelegt.

3. Stellungnahme des Gesellschaftsvertreterorgans

In einer Vertrauensabstimmung erhalten nur drei von den fünf vorläufigen Geschäftsführern die Zustimmung der Belegschaft, was aber keinen Einfluss auf deren Berufung hat.

4. Stellungnahme der wirtschaftsleitenden Organe

Von Seiten des Kombinatsbetriebes K-LEW Hennigsdorf wird der Umwandlung zugestimmt.

5. Rechtsfolgeerklärung

Die GmbH tritt mit ihrer Gründung in alle Rechte und Pflichten einschließlich aller Forderungen und Verbindlichkeiten des VEB GTL ein.

6. Forderungen und Verbindlichkeiten per 30.4.1990

Zum 30.4.1990 betragen die Forderungen 18.541 TDM und die Verbindlichkeiten 76.427 TDM

7. Vereinbarung mit der Kreditbank

Es bestehen Kredite in Höhe von 63.315 TDM.

8. Abschlussbilanz per 30.4.1990

9. Eröffnungsbilanz per 1.5.1990

10. Bilanzbrücke zu 8. und 9.

11. Bericht zum Geschäftsverlauf 1990

Zur Wettbewerbsfähigkeit der Erzeugnisse wird eingeschätzt:

  – Anlagentechnik:

Durch die bereits eingeleiteten Maßnahmen zur Komplettierung unserer Anlagen mit Fremdbezugsbaugruppen, erhöhter Flexibilität der eigenen Fertigung und verkürzten Fertigungszeiten er- reichen wir eine Ebenbürtigkeit zur Konkurrenz.

  – Chemisch-technische Erzeugnisse:

Auf Grund vorhandener Dokumentationen der Konkurrenz kann eingeschätzt werden, dass die Mehrzahl der Erzeugnisse dem Qualitätsniveau vergleichbarer BRD-Produkte entsprechen.

  – Elektrowerkzeuge:

Die Qualität der Elektrowerkzeuge ist dem internationalen Stand entsprechend als sehr gut einzuschätzen.

12. Abschlussbilanz per 31.12.1989

13. Eröffnungsbilanz per 1.1.1990

14. Bilanzbrücke zu 12. und 13.

15. Finanzstatus

16. Gründungsbericht

Bei einer kritischen Betrachtung der eingereichten Unterlagen, insbesondere der Umsatzentwicklung, Verbindlichkeiten und des Kreditvolumens, ist eigentlich klar, dass GTL ohne finanzielle Hilfe nicht überlebensfähig sein wird.

Von der Treuhandanstalt werden die genannten vorläufigen Geschäftsführer bestellt. Nach Unterzeichnung der entsprechenden Dokumente und der Einsetzung der vorläufigen Geschäftsführer wird am 23.6.1990 aus dem VEB Galvanotechnik Leipzig eine GmbH im Aufbau. Das Unternehmen wurde am 30.7.1990 von Amts wegen als „GmbH im Aufbau“ in das Handelsregister eingetragen (Abb. 295).

Abb. 295: HandelsregisterauszugAbb. 295: Handelsregisterauszug

Alle bisherigen Fachdirektoren werden am 23. August vom Hauptgeschäftsführer F. Tätzner im Zusammenhang mit der Bildung der GmbH von ihrer Funktion entbunden. Das war wohl seine letzte Amtshandlung, er hat noch an diesem Tag die Firma verlassen. Neuer Hauptgeschäftsführer wird M. Kiefer.

Die Entlassung der Fachdirektoren hatte natürlich weitreichende Konsequenzen für die Organisation und die Struktur des Betriebes, die bis auf die Buchhaltung und den Bereich Ökonomie durch die neuen Geschäftsführer den neuen Bedingungen angepasst werden musste.

Sicherung der Existenzfähigkeit des Betriebes

Am 12.10.1990 wurden seitens der UdSSR alle Verträge mit GTL gekündigt. Damit fielen ca. 80 % des Umsatzes des Anlagenbaus weg, was einem Umsatzverlust von ca. 80 Mio. M entsprach. Aber auch das restliche Anlagengeschäft in das sozialistische Ausland und im Inland brach zusammen. Das veranlasste den Hauptgeschäftsführer M. Kiefer, der gleichfalls für die Anlagentechnik zuständig war, ein Schreiben an den Direktor der Treuhandanstalt in Leipzig zu richten (siehe Abb. 296). Dieses Schreiben wurde in der Fassung auch an den angehenden Ministerpräsidenten für Sachsen Kurt Biedenkopf gerichtet. Eine Antwort von ihm steht bis heute aus.

Abb. 296: Schreiben an die TreuhandAbb. 296: Schreiben an die Treuhand

gt 2021 12 0047

Seitens der Treuhand wurde immerhin zu einem Gespräch eingeladen, das allerdings ohne Ergebnis verlief. Eine Zusammenfassung des Gespräches zeigt die Aktennotiz in Abbildung 297.

Abb. 297: AktennotizAbb. 297: Aktennotiz

Demnach war eine Hilfe von außerhalb nicht zu erwarten, schon gar nicht von der Treuhandanstalt. Es war nicht Aufgabe der Treuhand Gelder zur Stützung von Handelsproblemen bereit zu stellen. Damit war im Prinzip das Schicksal von GTL besiegelt.

Sanierungskonzept

Von der GTL GmbH i. A. wurde ein Sanierungskonzept erarbeitet, das von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Karl Berg GmbH auf Richtigkeit geprüft und am 31.10.1990 bestätigt wurde.

Darin wird zur Marktsituation festgestellt. dass:

  • viele ostdeutsche Galvaniken wegen Umstrukturierungen, veralteter Anlagen und wegen Umweltproblemen schließen
  • viele Betriebe im Inland und im sozialistischen Ausland zahlungsunfähig sind und
  • der Wettbewerb aus den alten Bundesländern auf Grund der Einführung der DM große Marktanteile in Ostdeutschland gewinnt.

Zur Fertigungsstruktur bei GTL wird bemerkt:

  • zu hohe Fertigungstiefe
  • zu hohe Fixkosten
  • planwirtschaftlich bedingte Überplanbestände und
  • überalterte Anlagen, die einen hohen Reparaturaufwand verursachen.

Es sind strukturelle Änderungen von der GTL GmbH i. A. einzuleiten und es sollen schlagkräftige, von unnötigem Ballast befreite Einheiten geschaffen werden, die progressiv auf dem Markt agieren können. In diesem Konzept werden nur die drei GmbHs Anlagentechnik, Chemie und Consulting sowie Elektrowerkzeuge vorgeschlagen. Die Einheiten Chemie und Anlagentechnik sollen als GmbH & Co. KG gegründet werden.

Ein wesentlicher Punkt dabei ist die Reduzierung der Kosten auf allen Ebenen. Darüber hinaus sollen gemäß der Treuhandanstalt die Führungskräfte der GmbHs von westdeutschen Partnern gestellt werden.

Zusammengefasst wird festgestellt, dass die GTL GmbH i.A. ein sanierungsfähiges Unternehmen ist und dass beim Erreichen des realistisch eingeschätzten Umsatzes von 55 Mio. DM 300 Arbeitskräfte gesichert werden können.

Die Mitarbeiterplanung sah vor, dass am 1.1.1991 noch 867 und ab 1.1.1992 noch 300 Mitarbeiter beschäftigt werden. Am 1.7.1990 wurden noch 1445 Mitarbeiter gezählt.

Es wird sich bald herausstellen, dass sich die sogenannte realistische Einschätzung des Umsatzes und der Mitarbeiteranzahl als Illusion erweisen wird. Darüber hinaus hätten die Wirtschaftsprüfer von Karl Berg schon damals wissen können und müssen, dass ein Umsatz von 55 Mio. DM in unserer Branche keine 300 Beschäftigten rechtfertigt. Damit war auch die Feststellung, dass GTL in der vorge- sehenen Form ein sanierungsfähiges Unternehmen ist, schon damals eine Fehleinschätzung.

Im Jahre 1990 wurden neben dem Aufsichtsrat auch ein Betriebsrat gebildet und auch das Neue Forum etablierte sich im Betrieb.

Aufsichtsrat

Der mit wenig Beteiligung (unter 35 %) gewählte Aufsichtsrat konstituiert sich am 24.8.1990. Vorsitzender wird Dr. Wolfgang Knop, Vorstandsmitglied der LPW-AG Neuss und sein Stellvertreter Klaus Ansorge, vom Büro der Strukturanpassung im Wirtschaftsministerium im Auftrag der Treuhandanstalt. Dazu gehören des Weiteren sechs Mitglieder, acht Vertreter der Belegschaft und ein unabhängiges Mitglied. Nach anfänglichem Widerstand wird der Aufsichtsrat auf die von der Treuhand geforderten sechs Personen reduziert. Der Aufsichtsrat hält regelmäßig seine Sitzungen ab, wobei insbesondere die Themen Situation des Betriebes und Stand der Privatisierung behandelt werden.

Im Juli 1991 scheidet der Vorsitzende Dr. W. Knop aus dem Aufsichtsrat auf eigenem Wunsch aus. Neuer Vorsitzender wird Klaus Ansorge.

Im Protokoll der 10. Aufsichtsratssitzung vom 22.7.1991 wird folgendes festgehalten:

  • Seitens der Treuhand erfolgt eine nochmalige Überprüfung der Gesellschaft über die Sanierungsfähigkeit
  • Die LPW-AG wird keine weiteren Verhandlungen mit der Treuhandanstalt bezüglich der Übernahme von GTL führen
  • Es ist vorgesehen die Privatisierung in Form des MBO in Abstimmung mit der Treuhandanstalt vorzunehmen
  • Seit dem 4.6.1991 ist die Firma Oertzen Eigentümer von Werk III
  • Änderung des GTL-Gesellschaftsvertrages im Punkt Gesellschaftszweck:

  – Streichung des Gesellschaftszweckes Entwicklung und Lieferung von Bankschleifmaschinen und Zusatzgeräten

  – Aufnahme der Entsorgung von chemisch-technischen Erzeugnissen.

Änderung bezüglich des Aufsichtsrats:

er besteht in Zukunft nur noch aus drei Mitgliedern: dem Vorsitzenden Klaus Ansorge, dem Stellvertreter Kurt Bause und dem Arbeitnehmervertreter Dr. Klaus Richter.

Aus dem Protokoll der 13. Aufsichtsratssitzung vom 10.9.1991 geht hervor:

  • Dr. K. Richter wird als Stellvertreter des Vorsitzenden des Aufsichtsrates benannt
  • Auf Grund eingetretener Veränderungen werden die Geschäftsführer P. Getzke und U. Spielvogel abberufen
  • Der Aufsichtsrat bestätigt die Aktivitäten zur Bildung einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft mit der Blasberg Anlagentechnik GmbH.

Betriebsrat

Bei einer Umfrage haben sich 71,8 % der Mitarbeiter für einen Betriebsrat ausgesprochen. Am 30.5. und 31.5.1990 erfolgte die Wahl zum Betriebsrat, dem 15 Mitarbeiter angehörten. Drei davon, die Herren Klaus Rühle als Vorsitzender, Horst Karbaum als Stellvertreter und Hans-Jürgen Matysch, sind hauptamtlich tätig.

Einige ausgewählte Informationen aus den zahlreichen Mitteilungen und Beschlüssen des Betriebsrates:

  • Alle Um- und Neubesetzungen von Leitungsfunktionen (ab Abteilungsleiter bzw. Meister) sind neu auszuschreiben
  • Übergabe der Struktur- und Namenslisten der GmbHs bis 11.7.1990
  • Es ist ein Wirtschaftsausschuss zu berufen
  • Der Betriebsrat verhängt einen Einstellungsstopp
  • Die Geschäftsleitung wird aufgefordert, die Personalliste der sogenannten A-Liste vorzulegen (auf der A-Liste zu sein, bedeutete vorerst nicht entlassen zu werden)
  • Der Betriebsrat stimmt der Veräußerung des Grundstückes in Freest (Kinderferienlager) zu
  • Neuregelung der Arbeitszeit
  • Abschluss eines Sozialplanes
  • Betriebsvereinbarung zur Einführung der Kurzarbeit

Die Zusammenarbeit zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung kann man durchaus als gut und konstruktiv bezeichnen.

Zur Situation der GTL GmbH i. A. im Januar 1991

• Es ist eine bittere Erkenntnis, dass die Einschätzung des Umsatzes, wie sie im Juli 1990 für die kommenden Jahre erarbeitet wurde in der Größenordnung falsch war

  • Die aktuelle Situation bei der Liquidität des Betriebes, die in großem Maße Kurzarbeit erfordert, ist nicht nur dem ungenügenden Umsatz, sondern auch der schlechten Zahlungsmoral der Kunden geschuldet. So stehen im Januar 1991 Forderungen von 18,8 Mio. DM Verbindlichkeiten von 8,9 Mio. DM gegenüber
  • Ziel der Privatisierung von GTL war nicht der Verkauf von GTL insgesamt, sondern die Ausgründung von GmbHs, die im Prinzip beim Stand Null anfangen und allen Ballast in einer GTL-GmbH i. A. zurücklassen. Diese GmbH soll dann durch einen Liquidator abgewickelt werden
  • Die zu gründenden CC-GmbH (Chemie und Consulting) und AT-GmbH (Anlagen Technik) sollen zügig nach Werk II umziehen.

Zur Situation der GTL GmbH i. A. Mitte 1991

Aus einer Aktennotiz vom 28.6.1991 über einen Besuch bei der Treuhandanstalt in Leipzig, kann man die missliche Situation der GTL GmbH i. A. im Juni 1991 gut erfassen.

Da durch die Treuhandanstalt die DM-Eröffnungsbilanz nicht bestätigt wurde und auch bis zum 30.6.1991 nicht bestätigt wird, ergibt sich im Endeffekt nach § 22 des Treuhandgesetztes, dass GTL keine GmbH im Aufbau sondern eine GmbH in Auflösung oder in Liquidation ist. Die Liquidation wurde aber erst ein halbes Jahr später im Februar 1992 durch die Treuhandanstalt veranlasst. Die Taktik der Treuhandanstalt, auf Zeit zu spielen, geht also auf.

Da sich seitens der Treuhand nichts bewegt und die LPW-AG die Verhandlungen mit der Treuhand im Juli 1991 eingestellt hat, beschließen die Geschäftsführer die Privatisierung über ein MBO zu realisieren. Dazu wird von den Geschäftsführern M. Kiefer und Dr. U. Vieweger am 29.7.1991 ein MBO-Konzept vorgelegt.

Als Geschäftsfelder werden die Anlagentechnik, die Chemie und die Entsorgung von Galvaniken angeführt. Im Gegensatz zu bisherigen Konzepten, die eine Verlagerung aller Aktivitäten nach Werk II vorsahen, wird nun der Standort Werk I favorisiert. Es war eine Arbeitnehmerzahl von ca. 100 für alle Bereiche geplant.

Dieses MBO-Konzept wird weiterverfolgt und am 2.8.1991 sowie am 1.10.1991 aktualisiert. Auf Grund der Erfahrungen, die man bisher gesammelt hat, nehmen die Umsätze und die Anzahl der Mitarbeiter realistische Werte an. Seitens der Treuhandanstalt gibt es dafür letztendlich keine Zustimmung.

Abb. 298: Entwicklung deer GTL nach 1990Abb. 298: Entwicklung deer GTL nach 1990

Zur Situation der GTL GmbH i. A. im Dezember 1991

In einer Ansprache im Dezember 1991 vor der Belegschaft des Betriebes, es war die letzte Belegschaftsversammlung bei GTL, informiert der Geschäftsführer Dr. U. Vieweger, in Vertretung des Hauptgeschäftsführers M. Kiefer, wie folgt über den Stand der Privatisierung:

  • Die angedachte Gewerbeansiedlung in Werk I und Werk II wurde durch die Treuhandanstalt nicht bestätigt. Vielmehr wurden Werk II und Teilflächen des Werkes I am 10.8.1991 ausgeschrieben. Es gibt eine Reihe von Interessenten, bisher ist aber noch nichts verkauft worden.
  • Aktuell ergibt sich vorausschauend folgende Situation für die GTL:

  – Der Bereich Anlagentechnik steht mit der Firma T3S aus Frankreich in Verhandlung und wird sich nach erfolgreichem Abschluss mit 60 Mitarbeitern in den Gebäuden 1, 21, 22 und 23 in Werk I niederlassen.

  – Im Gebäude 22 wird sich die Firma Blasberg-GTL Vertriebs- und Service GmbH etablieren und 15 Mitarbeiter übernehmen.

  – Für die chemische Produktion gibt es mit einem Investor aus den alten Bundesländern, der Vopelius Chemie GmbH, Verhandlungen. Die Firma wird 10 Mitarbeiter übernehmen.

  – Die GTL-Umwelt-Service GmbH wurde am 27.11.1991 mit 5 GTL-Mitarbeitern ausgegründet.

  – Für weitere Flächen und Gebäude in Werk I gibt es weitere ernstzunehmende Interessenten.

Obwohl dies vernünftige Lösungen waren und diese Firmen alle Ende 1991, Anfang 1992 ihre Tätigkeit aufnehmen wollten, gab es seitens der Treuhandanstalt bis Mitte Dezember noch kein grünes Licht. Darüber hinaus gab es zwischen den verbliebenen Geschäftsführern M. Kiefer und Dr. U. Vieweger erhebliche Differenzen, die die Umsetzung noch erschwerte.

Schließlich gründeten sich Ende 1991, Anfang 1992 mit dem Segen der Treuhand verschiedene Firmen aus, wie die Grafik auf der folgenden Seite (Abb. 298) über die Entwicklung nach 1990 zeigt. Die rot markierten Firmen sind bereits wieder liquidiert.

Damit waren Konzepte wie ein MBO vom Tisch, es war aber die Grundlage für einen möglichen Gewerbepark in Werk I gegeben, der einmal bis zu 10 Firmen Platz bieten sollte. Die nachfolgenden Firmen siedelten sich bereits 1992 im Werk I an:

  – Blasberg-GTL Vertriebs und Service GmbH (BGVS)

  – Galvanotechnik Anlagenbau Leipzig GmbH (GTAL)

  – Galvanochemie Leipzig GmbH (GCL)

  – GTL-Umweltservice GmbH

  – Fa. Busse Anlagenkennzeichnung

  – Fa. TCH Energieerzeugung

  – Gesellschaft für Informationsverarbeitung.

In diesen zum Teil ausgegründeten Unternehmen waren ca. 100 Fachkräfte von ehemals GTL beschäftigt und auch die Mehrzahl der Geschäftsführer und der leitenden Mitarbeiter gingen aus GTL hervor. Weitere Interessenten waren in Verhandlung mit der Treuhandanstalt. Es bestand allerdings auch aus verschiedenen Gründen eine gewisse Fluktuation der angesiedelten Firmen und es kamen im Laufe der Jahre neue hinzu. Aus den Anfängen ist am Standort in der Torgauer Straße lediglich die GCL geblieben, die 2002 mit der Vopelius Chemie AG verschmolzen wurde. Drei Unternehmen haben sich durch Restitutionsanspruch oder Grundstückskauf in den letzten Jahren auf dem Gelände neu niedergelassen.

Bemerkenswert an diesem Neubeginn war der Wille einiger Betriebsangehöriger, etwas Neues aufzubauen und am alten Standort weiterzuarbeiten, wenn es auch letztendlich nicht immer erfolgreich war.

Liquidation der GTL GmbH i. A.

Am 28.2.1992 leitete die Treuhandanstalt Leipzig, als alleinige Gesellschafterin, die Liquidation der GTL GmbH i. A. ein. Am 1.10. 1992 wurde eine Abwicklungsgruppe aus ca. 10 ehemaligen Mitarbeitern der GTL GmbH i. L. gebildet, die im Werk II ansässig war.

Aufgabe dieser Abwicklungsgruppe war es unter anderem:

  – Die Entflechtung der Medien, wie Wasser, Energie, Telefon und Abwasser für die neuansässigen Firmen. Die Heizung sollte durch die Fa. TCH Energieerzeugung übernommen werden, was allerdings an den einzelnen Firmen scheiterte, die sich selbst versorgten.

  – Verkauf der nicht mehr benötigten Ausrüstungen, Maschinen und technischen Unterlagen der GTL GmbH

  – Archivierung aller Unterlagen

  – Organisation der Restitution der Erbengemeinschaft von Stamford

  – Abschluss von Mietverträgen

  – Verwaltung der Grundstücke und Betreuung der Mieter

  – Planung und Anleitung der Beräumung aller Gebäude mittels ABM-Kräften

  – Sammlung der nicht mehr verwertbaren Chemikalien aus Werk I und Werk II. Es wurden insgesamt 650 t, z.T. giftige Chemikalien, von einer Entsorgungsfirma entsorgt. Das war ein ganzer Güterzug. Darunter waren auch noch geringe Mengen Chemikalien, die aus der LPW Zeit stammten. Die Bildzeitung titelte dazu „Der Tod verlässt die Stadt“.

Zum 31.12. 1995 wurde die Liquidation beendet und die Verwaltung der noch nicht verkauften Parzellen an die Montan Wohnungsbaugesellschaft übergeben. Letztere war eine Tochter der Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, die dann per Gesetz als Eigentümer der noch nicht verkauften Flächen in das Grundbuch eingetragen wurde.

Über diese Übergabe existiert ein Protokoll des Leiters der Abwicklungsgruppe vom 13.12.1995, indem alle übergebenen Unterlagen aufgelistet sind. Leider sind die übergebenen Dokumente nicht mehr vorhanden bzw. liegen in unbekannten Archiven.

Warum musste die GTL GmbH i. A. in die Liquidation gehen?

Zur Erinnerung:

• Galvanotechnik Leipzig war die größte Fachfirma in Europa mit ca. 1450 Beschäftigten

  • Es gab Exporte in über 36 Länder weltweit, die 1989 einen Umfang von ca. 80 Mio. M hatten. Allein in die damalige Sowjetunion hat GTL über die Jahre mehr als 1000 Automaten geliefert
  • Der Umsatz insgesamt betrug 1989 ca. 210 Mio. M mit einem Nettogewinn von ca. 27 Mio. M. Wenn diese Zahlen auch schwer zu interpretieren sind, so ist doch ein ordentlicher Gewinn erzielt worden
  • GTL war wohl eine der wenigen Firmen, in der Automaten im Prinzip am Fließband produziert wurden
  • GTL verfügte über sehr gut ausgebildetes Personal, das nach der Wende ein Objekt der Begierde der westdeutschen Wettbewerber wurde.

So hat die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter der Forschung u. Entwicklung, der Projektierung aber auch Spezialisten aus der Produktion, wenn sie denn wollten, wieder in galvanotechnischen Fachfirmen oder in Galvanikbetrieben Arbeit gefunden.

Das wären rein theoretisch gute Voraussetzungen für ein Überleben von GTL gewesen. Es gab allerdings eine Reihe von Faktoren, die das verhinderten, wie im Folgenden dargestellt wird.

Die Einführung der DM am 1.7.1990

  • Mit der Einführung der DM wurden, wie schon beschrieben, alle Aufträge aus der Sowjetunion und den Ostblockstaaten storniert. Von den ca. 210 Mio. M Umsatz, die GTL noch 1989 hatte, entfielen allein ca. 80 Mio. M auf den Export in die Sowjetunion, der nun wegfiel.
  • Mit der DM kamen auch zahlreiche westdeutsche Wettbewerber mit Niederlassungen oder auch nur Vertretern auf den Ostmarkt, die natürlich vom Westbonus profitierten und gleichzeitig Fachkräfte abwarben. So sank z. B. der Umsatz der chemischen Produkte bei GTL von ursprünglich ca. 40 Mio. DM 1989 auf ca. 4 Mio. DM 1991.

Die Vertreter der westdeutschen Firmen wurden nicht müde zu erklären, dass das was GTL zu bieten hatte, nichts wert ist bzw. dass es GTL schon gar nicht mehr gibt. Ein Kunde wechselte gleich zweimal in einer Woche den Nickelelektrolyten, weil ihm das Blaue vom Himmel versprochen wurde, was nicht da war, um am Ende den ihm vertrauten Elektrolyten von GTL wieder einzuführen. In Sachsen gab es wahrscheinlich nur einen Betrieb, der nicht vollständig oder wenigstens teilweise auf westdeutsche Produkte umstellte. Dazu gäbe es aus dieser Zeit noch viele Geschichten zu erzählen.

Die Einführung der DM war ganz sicher der wichtigste Faktor für den Untergang von GTL.

Die Kunden von GTL

  • Die Kunden liefen natürlich scharenweise zum Westwettbewerb über, was man ihnen nicht verübeln konnte. Im Trabantwerk in Zwickau wurden wir gefragt, warum man bei GTL etwas kaufen sollte, da die Belieferung von Chemikalien in der Vergangenheit doch sehr schleppend erfolgte. Man hatte vergessen, dass wir umgekehrt 15 Jahre auf einen Trabant warten mussten.
  • Ein interessantes Phänomen war, dass die Lager vieler Kunden bis obenhin mit Chemikalien gefüllt waren. Man hatte gehamstert und vorgesorgt, wie es in der Mangelwirtschaft der DDR üblich war. So waren insbesondere Entfettungschemikalien für die nächste Zeit (Monate) nicht zu verkaufen. Einige Kunden boten GTL diese Chemikalien zum Rückkauf an, um ihr Lager zu entlasten und westdeutsche Produkte einzusetzen, die in ihrer Wirkung allerdings nicht besser waren.
  • Ein großes Problem bestand bei den offenen Forderungen von GTL. Viele Kunden bezahlten ihre Rechnungen nicht, weil sie nicht mehr in Lage dazu waren. Um die offenen Forderungen wenigstens zum Teil zu realisieren, wurde ein großer personeller Aufwand betrieben.
  • Viele ostdeutsche Galvaniken wurden wegen Umstrukturierungen, veralteter Anlagen und wegen Umweltproblemen geschlossen. Die Umwandlung von Inhousegalvaniken in Lohngalvaniken, die sich in Westdeutschland über Jahrzehnte vollzog, erfolgte in Ostdeutschland in wenigen Jahren.

Gab es 1989 ca. 1400 fast ausschließlich Inhousegalvaniken, so waren es 1992 noch ca. 150 und davon waren bereits die meisten Lohngalvaniken.

  • Auch die Übernahme einiger Großgalvaniken im Osten Deutschlands durch westdeutsche Investoren, die ihre Chemielieferanten mitbrachten, trugen zu Umsatzverlusten bei GTL bei.

Die Situation bei GTL

  • Die wirtschaftliche Situation der GTL GmbH i. A. ist sehr schwierig zu beurteilen. Man muss davon ausgehen, dass bereits Anfang 1991 eine Überschuldung vorlag.
  • Die Mitarbeiter der GTL GmbH i. A. mussten erst lernen mit der neuen Situation insbesondere mit dem Wettbewerb umzugehen. Bisher war man Monopolist im Osten Deutschlands.
  • Auf Grund der unsicheren Situation, der Kurzarbeit und der anstehenden Entlassungen fehlte es an Motivation der Mitarbeiter.
  • Natürlich gab es seitens der Belegschaft auch Zweifel an der Eignung den neuen Führungskräfte.
  • Die Produktpalette von GTL war nur zum Teil wettbewerbsfähig. Für eine moderne Entwicklung fehlten die erforderlichen Materialien in der DDR. In der Kürze der Zeit konnten die Defizite nicht aufgeholt werden.
  • Es gab eine zu hohe Fertigungstiefe, zu hohe Fixkosten, planwirtschaftlich bedingte Überplanbestände und überalterte Anlagen, die einen hohen Reparaturaufwand verursachten.
  • Es fehlte an den erforderlichen Voraussetzungen (Vertrieb, Autos, Werbung und Kundenbetreuung, Buchhaltung, Produktion, EDV).
  • Aus heutiger Sicht wäre auch die Zusammenarbeit der ernannten Geschäftsführer verbesserungswürdig gewesen. Sie waren aber zu sehr mit den anstehenden Tagesthemen beschäftigt, als dass sie eine gründliche Analyse der Situation, in der sich GTL befand, durchführen konnten.
  • Offen bleibt die Frage, welche Rolle der Kombinatsbetrieb LEW Hennigsdorf gespielt hat.

Die Wirtschaftsprüfer und Berater

Wie schon erwähnt hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Karl Berg GmbH das Sanierungskonzept der GTL GmbH i. A. falsch beurteilt und dennoch im Oktober 1990 bestätigt. GTL hat auch auf Beraterfirmen aus Westdeutschland gebaut, wie das in dieser Zeit sicher bei vielen Unternehmen üblich war. Auch der Senioren Experten Service wurde bemüht, der uneigennützig den ostdeutschen Unternehmen Unterstützung geben sollte. Marktwirtschaftlich haben wir sicher von ihnen gelernt, aber wirklich helfen bei den anstehenden Problemen der eher unbekannten Branche konnten weder die bezahlten noch die unbezahlten Berater.

Die Treuhandanstalt

Abb. 299: „Tribüne“ vom 19.7.1991Abb. 299: „Tribüne“ vom 19.7.1991Wesentlich war die Auffassung der Treuhandanstalt, dass es auf dem Gebiet der Galvanotechnik kein „Werftensyndrom“ geben soll, wie aus einem Gespräch mit dem Sprecher der Treuhandanstalt Jürgen Weiß, veröffentlicht in der „Tribüne“ vom 19.7.1991, hervorgeht (Abb. 299). Dieses Gespräch war eine Reaktion auf ein Schreiben des Betriebsrates an die Treuhand.

Weiß war der Meinung, dass der westdeutsche Galvanikmarkt dicht besetzt sei und keinen weiteren Wettbewerb benötigt oder auch verträgt. Man kann fragen, woher Weiß die Situation eines eher unbekannten Fachgebietes so gut kennt und dann noch dazu falsch einschätzt. Ein Vergleich mit den Werften verbietet sich von selbst. Waren hier Lobbyisten am Werk?

Dass seine Einschätzung falsch war, belegen einige neugegründete Fachbetriebe im Osten Deutschlands kurz nach der Wende, die zum Teil noch heute existieren. Auch in Westdeutschland gab es nach 1991 Neugründungen von Firmen in unserer Branche.

Man muss davon ausgehen, dass diese generelle Auffassung zu GTL seitens der Treuhand schon lange bestand, was eine Liquidation des Betriebes zur Folge haben musste. Andererseits wäre es seitens der Treuhandanstalt, als alleinige Gesellschafterin von GTL, korrekt gewesen, nach der Kündigung der Verträge seitens der Sowjetunion und anderer Kunden im Herbst 1990 bzw. im Frühjahr spätestens im Sommer 1991 die Insolvenz für GTL zu beantragen. Das hat sie aber verschleppt und erst im Februar 1992 eingeleitet. Es hätte unter anderem bedeutet, dass mit einem Schlag über 1000 Arbeitnehmer auf der Straße stehen und das wäre politisch ein Desaster gewesen und in diesen Zeiten so sicher nicht gewollt.

Diese Insolvenzverschleppung könnte man der Treuhandanstalt positiv anrechnen, konnten sich 1991 doch einige Mitarbeiter neu orientieren und einige Dinge zum Guten entwickeln. So gründeten sich 1991/1992 mehrere Firmen, wie bereits beschrieben, aus GTL aus, von denen heute noch eine, die Vopelius Chemie AG, am Standort in der Torgauer Str. in Leipzig aktiv ist.

Es bleibt die Frage, ob diese Insolvenzverschleppung bewusst geschehen ist. Das ist allerdings nicht die einzige Frage, die offen bleibt.

Es gab zu viele Faktoren, die ein Überleben von GTL als Ganzes unmöglich machten. Dennoch gab es ein paar Lichtblicke, wie die Graphik über die Entwicklung nach 1990 zeigt.

Am besten hat es der Bereich Chemie und Consulting, der die verfahrenstechnische Entwicklung, die Produktion und den Vertrieb der chemisch-technischer Erzeugnisse umfasste, getroffen. Mit der Ausgründung der Blasberg- GTL Vertriebs und Service GmbH, der Galvanochemie Leipzig GmbH und der GTL-Umweltservice GmbH, die 1997 Konkurs anmeldete, konnten ca. 50 von 100 der ehemaligen Belegschaft dieses Bereiches übernommen werden.

Der Bereich Anlagentechnik, der mit ca. 40 Mitarbeitern startete, schien auf einem guten Weg mit dem Investor T3S aus Evry bei Paris zu sein, der allerdings 1993 in Konkurs ging und damit auch die Aktivitäten der Anlagentechnik beendete. Die Sparte Bankschleifmaschinen Werk III wurde von der Firma Oertzen übernommen, die aber auch bereits 1994 in Insolvenz ging.

Mit der Schließung des Standortes des Servicezentrums der Enthone GmbH durch MacDermid Enthone im August 2020, ist die große Tradition der galvanotechnischen Fachfirmen in Leipzig, von denen über Jahrzehnte wesentliche Impulse für die Galvanotechnik ausgingen und die seit der Zusammenlegung von Pfanhauser aus Wien und Langbein aus Leipzig im Jahre 1907 bis zum Jahre 1989 die größten Firmen auf diesem Gebiet Europas, wenn nicht weltweit waren, zu Ende gegangen.

 

Anmerkung:

Band IV „Leipzig – die Wiege der Galvanotechnik in Deutschland“Band IV „Leipzig – die Wiege der Galvanotechnik in Deutschland“Der Autor, der die Geschichte der Galvanotechnik am Standort Leipzig dokumentiert, ist nach wie vor auf der Suche nach weiteren Informationen und Unterlagen von Galvanotechnik Leipzig und von LPW bzw. den Vorgängerfirmen Dr. Georg Langbein, Leipzig und Wilhelm Pfanhauser, Wien.

Sollten Sie über derartige Unterlagen oder auch Ausrüstungen verfügen, so wäre er Ihnen dankbar, wenn Sie ihn ansprechen würden.

Neben den Spaziergängen dieser Serie, die eine stark gekürzte Darstellung vermitteln, hat der Autor im Eigenverlag reich bebilderte, in Leinen gebundene Abhandlungen mit dem Titel „Leipzig – die Wiege der Galvanotechnik in Deutschland“ in Zusammenarbeit mit dem Verein „Deutsches Museum für Galvanotechnik e.V.“ herausgebracht.

Der Band I mit 188 Seiten, der das Leben und Wirken von Wilhelm Pfanhauser und Dr. Georg Langbein beschreibt, erschien im Juni 2016.

Da die erste Auflage schnell vergriffen war, ist eine zweite korrigierte Auflage des Bandes I mit einem Vorwort zweier Urenkel von Wilhelm Pfanhauser sen. im Dezember 2016 erschienen.

Der Band II mit 446 Seiten, der sich mit der Geschichte von LPW von 1907 bis 1948 am Standort Leipzig befasst, wurde im Herbst 2017 veröffentlicht.

Im November des Jahres 2018 erschien der Band III mit über 465 Seiten, der Auskunft über den VEB Galvanotechnik Leipzig im Zeitraum von 1949 bis 1980 gibt und ein Vorwort von Dieter Klug, dem ehemaligen Direktor für Wissenschaft und Technik von Galvanotechnik Leipzig, enthält.

Der Band IV, der die Geschichte von Galvanotechnik Leipzig für die Jahre 1981 bis zum Ende 1993 und darüber hinaus fortsetzt, über weitere Fachfirmen im Raum Leipzig von 1890 bis 1945 Auskunft gibt, über die in Leipzig bis 1945 ansässigen Verlage für Galvanotechnik Eugen G. Leuze und F. Ernst Steiger berichtet und das Literaturverzeichnis mit 1793 Literaturstellen beinhaltet, ist im November 2019 erschienen.

Man kann davon ausgehen, dass mit diesen vier Bänden eine der umfangreichsten Dokumentationen eines Leipziger Industriestandortes geschaffen wurde.

 

Der Vertrieb der Bücher erfolgt über den Verein:

„Verein Deutsches Museum für Galvanotechnik e. V.“ (www.vdmg.de). Hier finden Sie weitere Informationen.

Für das im Februar 2010 in Leipzig gegründete Deutsche Museum für Galvanotechnik, suchen wir ständig Exponate (Bilder, Bücher, Anlagenmodelle, kleine Anlagen, verfahrenstechnische Unterlagen, Firmenschriften, galvanisierte Teile, u. ä.) auch aus jüngerer Zeit. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns beim weiteren Aufbau des Museums unterstützen.

Schreiben Sie bitte an:

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ZUR INFO

Ausgewählte nationale und internationale Ereignisse

8.1.1990

Bei der Montagsdemonstration in Leipzig ist der Stadtring mit 200 000 Menschen letztmalig geschlossen.

25.1.1990

Volle Gewerbefreiheit. Nach einer Joint-Venture- Verordnung können sich Nicht-DDR-Bürger zu 49 % an DDR-Unternehmen beteiligen.

1.3.1990

Die Volkseigenen Betriebe werden Kapitalgesellschaften, die Treuhand wird gegründet.

12.3.1990

Die Montagsdemonstrationen in Leipzig, die seit dem 25.9.1989 in ununterbrochener Folge stattfanden, gehen zu Ende.

18.3.1990

Erste freie Wahl zur Volkskammer wird abgehalten.

12.4.1990

Lothar de Maizière wird erster (und letzter) demokratisch gewählter Ministerpräsident der DDR.

19.4.1990

Ministerpräsident Lothar de Maizière bekennt sich in seiner Regierungserklärung zur deutschen Einheit.

5.5.1990

In Bonn beginnt die erste Runde der Zwei-plus-Vier-Gespräche zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.

18.5.1990

Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.

21.6.1990

Karl-Marx-Stadt heißt wieder Chemnitz.

1.7.1990

In der DDR löst mit Inkrafttreten der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten die D-Mark die Mark der DDR als gesetzliches Zahlungsmittel ab.

22.7.1990

Die Volkskammer beschließt die Neubildung der 1952 aufgelösten Länder auf dem Territorium der DDR.

23.8.1990

Die Ost-Berliner Volkskammer stimmt für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

12.9.1990

Auf dem Weg zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wird in Moskau der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet.

3.10.1990

Mit dem Beitritt der Gebiete der DDR samt Ost- Berlin zum Geltungsbereich des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland wird die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen.

Erstmals ist der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit auch gesamtdeutscher Nationalfeiertag.

Auf der Albrechtsburg in Meißen wird der Freistaat Sachsen neu begründet.

2.12.1990

Bei der Bundestagswahl 1990, der ersten gesamtdeutschen Wahl, wird die Regierung von Helmut Kohl im Amt bestätigt.

1.7. 1991

Auflösung des Warschauer Paktes.

16.10.1991

Die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Leipzig beschließt den Bau eines neuen Messegeländes.

19.11.1991

Nach dem Willen der Stadtverordneten von Leipzig sollen 38 Straßen umbenannt werden.

26.12.1991

Der Oberste Sowjet tritt zusammen und beschließt die Auflösung der Sowjetunion, deren juristische Nachfolge die Russische Föderation antritt.

30.6.1992

Die USA eröffnet nach fast 50 Jahren wieder ein Generalkonsulat in Leipzig.

1992

Die Frühjahrsmesse in Leipzig findet erstmals nicht als Universalmesse statt, sondern als Paket mit drei Fachmessen.

1.1.1993

Die Tschechoslowakei wird aufgelöst und die Tschechische Republik und die Slowakische Republik als unabhängige Staaten ausgerufen.

25.8.1993

Grundsteinlegung für die Neue Messe in Leipzig.

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 12
  • Jahr: 2021
  • Autoren: Dr. Ulrich Vieweger

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