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Dienstag, 17 Januar 2023 10:59

Wachstum – Quo vadis?

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Geschätzte Lesezeit: 7 - 14 Minuten
Ist das Wachstumsprinzip in unserer modernen Welt überholt? Tokio bei Nacht Ist das Wachstumsprinzip in unserer modernen Welt überholt? Tokio bei Nacht

Grenzen des Wirtschaftswachstums infolge begrenzter Ressourcenverfügbarkeit sollten eigentlich unstrittig sein. Dennoch gibt es dazu bis heute noch keinen finalen gesellschaftlichen Konsens. Vielmehr stellt sich ständiges, sogar exponentielles Wirtschaftswachstum als politischökonomische Doktrin dar. Die Thermodynamik nichtlinearer Prozesse mit dem 2. Hauptsatz und der Boltzmann-Entropie als Richtungsindikator sowie die Synergetik tragen aus naturwissenschaftlicher Sicht zur Meinungsbildung bei. Ist das Wachstum als Credo menschlicher Evolution eine Einbahnstraße?

Alles wächst: Pflanzen, Tiere, der Mensch, gegebenenfalls auch seine Motivation, etwas Bestimmtes zu vollbringen, Populationen wachsen, auch die Wirtschaft, wenn nicht gerade Krisen herrschen, Flüchtlingsströme infolge von Kriegen und sozialer Ungerechtigkeit, sogar das Universum wächst. Mit Wachstum verbinden sich Begriffe, wie Vergrößerung, Ausdehnung, Vermehrung oder Verbreitung, insgesamt könnte man von Expansion sprechen. Aber auch Gegenläufiges, wie Anreicherung, Verdichtung, Herausbildung von Nichtgleichgewichten, Zunahme der Komplexität, Ordnung aus Chaos, hat mit Wachstum zu tun. Diese Vieldeutigkeit rund um den Begriff „Wachstum“ zeigt, dass quantitative und qualitative Wachstumsfaktoren eng miteinander verknüpft sind. In Systemen spielen Teilsysteme, Systemelemente und ihre Wechselwirkungen, Systemgrenzen sowie Wechselwirkungen von Systemen mit ihrer Umgebung eine wichtige Rolle, wenn es um Fragen des Wachstums geht.

Logisch dürfte sein, dass es innerhalb von Systemgrenzen kein unbegrenztes, quantitatives Wachstum geben kann, da bei erzwungener Überschreitung von Wachstumsgrenzen Systemstörungen unvermeidbar wären. Die Natur zeigt uns das in vielfältiger Weise. Pflanzen, Tiere, Menschen und Populationen wachsen begrenzt. Logistische mathematische Wachstumsmodellkurven, z. B. für das Populationswachstum, sind gekennzeichnet durch Zuwächse dX/dt, die nach Erreichen eines Maximums auf Null abfallen und so schließlich zum Ende des Wachstums führen. Entsprechend durchläuft die Wachstumsgröße X eine sogenannte S-Kurve von einem kleinen Anfangswert X(a) zu einem größeren Endwert X(e), der den asymptotischen Endwert, d. h. die Wachstumsgrenze repräsentiert [1]. Logistische Wachstumskurven stellen in der Wachstumstheorie zwar nur einen Sonderfall dar [2], veranschaulichen aber bereits die Begrenztheit von quantitativem Wachstum. Biologische Systeme regulieren sich dabei weitgehend selbstorganisiert und auch weitgehend störungsfrei, wenn die nötige hochwertige Energie zugeführt wird bzw. durch Transformation entsteht, die im System anfallende Entropie (siehe weiter hinten) nach außen abgeführt werden kann und keine kritischen Störfaktoren wirksam werden. Andere hochkomplexe Systeme, so auch gesellschaftliche Systeme, wachsen und strukturieren sich zum großen Teil auch selbstorganisiert, allerdings muss kybernetisch nachjustiert werden, um Wachstumsgrenzen nicht zu überschreiten und Systemdestabilisierung zu vermeiden. Ein „Null“-Wachstum wäre somit der normale Endzustand (Steady state) in einem stabilen komplexen System.

Wirtschaftswachstum – naturwissenschaftlich betrachtet

Ist Müllexport Entropie-Export?Ist Müllexport Entropie-Export?Es sollte als „Binsenweisheit“ gelten, dass dauerhaftes, uneingeschränktes Wirtschaftswachstum unter dem Blickwinkel der Ressourcenbegrenzung nicht funktionieren kann. Innovationen durch Wissenschaft und Technik können Wachstumsgrenzen zwar verschieben, aber nicht aufheben. Auch qualitatives Wachstum hat Grenzen, da mit steigender Komplexität der Systeme Instabilitäten zunehmen und daraus resultierende Systemgefährdungen durchaus real sein können. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die sich häufenden, leider zu oft erfolgreich verlaufenden Hacker-Angriffe im Rahmen der beschleunigten Digitalisierung. In diesem Zusammenhang ist insbesondere auch der Blackout in der Elektroenergieversorgung zu nennen, wobei offensichtlich nicht mehr die Frage steht, ob er eintreten wird, sondern lediglich wann und in welcher Größenordnung Schäden zu erwarten sind. Dennoch wird in hochentwickelten, kapitalistischen Ländern, so auch in Deutschland, durch Wirtschaft, Politik und Medien suggeriert, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum Voraussetzung dafür sei, Wettbewerbsfähigkeit, damit Arbeitsplätze und insgesamt den Volkswohlstand zu sichern. Es drängt sich schon die Frage auf, ob es dabei wirklich um Volkswohlstand für alle geht, oder vielmehr um Profitmaximierung um jeden Preis für eine reiche Minderheit, quasi als Wesensmerkmal kapitalistischer Produktionsweise. Der wachsende Unterschied zwischen arm und reich trotz Wirtschaftswachstum spricht deutlich für letzteres. Bereits 2015 wurde beschrieben, dass 1 % der Weltbevölkerung mehr Vermögen angehäuft hat als die restlichen 99%. Die Tendenz ist sicher nicht fallend.

Für Nichtökonomen ist es allerdings schwierig, aus dem ständig nahezu missionarisch vorgetragenen Pro zur Möglichkeit und Notwendigkeit eines dauerhaften Wirtschaftswachstums und solch streitbaren Publikationen, wie zum Beispiel „Wohlstand ohne Wachstum“ [3], richtige Schlussfolgerungen für Gegenargumente zu ziehen. Wie sieht es aber aus, wenn man die Wachstumsproblematik mal durch die Brille eines Naturwissenschaftlers betrachtet und dabei den Sozialgradient als wachstumshemmenden Faktor in den Mittelpunkt rückt? Der Sozialgradient beschreibt den Grad der Ungleichverteilung gesellschaftlich erarbeiteter Reichtümer und ist somit ein Maß für soziale Ungleichheit. Das bedeutet, dass die Menschen entweder deutlich mehr oder weniger über bestimmte Ressourcen (z. B. Bildungsgrad, Einkommen) sowie Lebensbedingungen (z. B. Wohnverhältnisse, Sicherheit, Gesundheit) verfügen und sich deshalb auch nur in bestimmten Grenzen verwirklichen können. Keinesfalls geht es im vorliegenden Beitrag um eine Vermischung verschiedener Wissenschaftsgebiete, auch nicht um eine neue Wachstumstheorie, sondern lediglich um zusätzliche, zwingende Argumente dafür, dass objektiv Wachstumsgrenzen bestehen, die nicht ignoriert werden sollten. Aussichtsreich erscheint es, mit Hilfe der Thermodynamik nichtlinearer Prozesse sowie der Synergetik derartige sozial-ökonomische Betrachtungen ideologiefrei anzustellen [1, 2, 4 bis 8]. Synergetik ist die Wissenschaft vom Zusammenwirken in hochkomplexen Systemen, genauer vom geordneten, selbstorganisierten, kollektiven, aber auch konkurrierenden Verhalten von Individuen (Atome, Moleküle, Zellen, Tiere, Menschen) in komplexen Systemen.

Zum Verständnis: Offene Systeme können Strukturentwicklung (Bildung und Aufrechterhaltung von Ordnung) durch dissipative Selbstorganisation ermöglichen. Es handelt sich um Prozesse, die in Konkurrenz zwischen Nichtlinearität mit Strukturverstärkung (Erhöhung des Ordnungsgrades) einerseits und dem Einfluss der Dissipation (Strukturauflösung, Zerstreuung) andererseits ablaufen, aber ohne gezielte Steuerung von außen. Dafür sind einige Voraussetzungen erforderlich: Überkritischer Abstand vom thermodynamischen Gleichgewicht, Zufuhr hochwertiger Energie, Energietransformation im System zur Generierung nutzbarer Energie, Abgabe von niederwertiger Energie (Wärme mit niedriger Temperatur) und Entropie an die Umgebung. Entropie ist eine thermodynamische Zustandsgröße und stellt nach Boltzmann ein Maß für die Wertlosigkeit der Energie und demzufolge den Grad der Unordnung in einem System dar. Nach dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik kann in einem System Selbstorganisation auftreten, wenn in gegebenen Zeitintervallen der Entropieexport aus dem System größer ist als die im System entstehende Entropiemenge. Durch operationale Geschlossenheit eines an sich offenen, komplexen Systems sind Rückkopplungen zwischen der Makrostruktur des Systems und dem Mikroverhalten der Systembestandteile möglich [1]. Positive Rückkopplung verstärkt die Systemdynamik, negative Rückkopplung wirkt dagegen dämpfend.

Ein Schulbeispiel für selbstorganisierte Wechselwirkungen in komplexen Systemen stellt der Laser dar. Die durch die Atome und Moleküle des Lasermediums aufgenommene Energie wird als Licht mit gleicher Wellenlänge wieder abgestrahlt und durch positive Rückkopplung verstärkt. Infolge konkurrierender Wechselwirkungen fungiert eine Wellenlänge als Ordner und zwingt alle anderen Wellenlängen zum Gleichtakt (Synchronisation, hier auch „Versklavung“ genannt). Aus mikroskopischem Chaos ist durch dissipative Selbstorganisation makroskopische Ordnung geworden, eine synchronisierte Welle, der Laser. Ordner und Versklavung bedingen sich gegenseitig, wobei wenige Ordner für das geordnete Verhalten sehr vieler Systemelemente sorgen [5]. Interessant ist, dass die Ergebnisse diesbezüglich gut untersuchter physikalisch-chemischer sowie biologischer Systeme im Wesentlichen auch auf hochkomplexe, dynamische, gesellschaftliche Systeme übertragbar sind. Zum Beispiel kann man davon ausgehen, dass die Profitmaximierung als kapitalistisches Grundprinzip nicht nur auf der Summe individueller Aktivitäten, sondern insbesondere auch auf dem sich selbstorganisierenden, kollektiven, aber auch konkurrierenden Verhalten der Individuen im System beruht, d. h. auf einem inneren Systemzwang. Oder die Tatsache, dass sich die vorherrschende, öffentliche Meinung in einer Gesellschaft nicht aus der Summe der Einzelmeinungen ergibt, sondern als ein Ergebnis von Wechselwirkungen und Synchronisation zwischen Individuen, Politik und Medien.

Sozialgradient – wachstumsfördernd, aber auch wachstumshemmend

Folgt man der Theorie der dissipativen Selbstorganisation bei den nachfolgenden Betrachtungen zum Wachstum, kann man die notwendige Gleichgewichtsferne u. a. am Sozialgradient festmachen. Es erscheint zwar auf den ersten Blick eher unwahrscheinlich, aber Ungleichverteilung der gesellschaftlich erarbeiteten Reichtümer unterstützt innerhalb bestimmter Grenzen die Strukturentwicklung und kann somit auch als innere Triebkraft für das Wirtschaftswachstum betrachtet werden. Eine das Wirtschaftswachstum hemmende Verteilungsungerechtigkeit beginnt erst dann, wenn die Ungleichverteilung die gesellschaftliche Ordnung destabilisiert. In so einer Situation können infolge Nichtlinearität der Prozesse bereits geringste Störungen die bestehende gesellschaftliche Ordnung in Frage stellen, so dass Phasenübergänge entstehen, die entweder zu einer anderen Ordnung (z. B. Demokratie in eine Diktatur) oder zu turbulentem Chaos führen. In diesem Zusammenhang sei z. B. an den Schmetterlingseffekt in der Chaos-Theorie erinnert. Komplexe Systeme, die weit entfernt vom Gleichgewicht existieren, können sogar zwischen Ordnung und Chaos oszillieren. So etwas ist auch für gesellschaftliche Systeme denkbar.

Eine Systemdestabilisierung infolge krasser sozialer Unterschiede zeigt sich in der Häufung extremer Ereignisse, wie z. B. eskalierende Demonstrationen, ausufernde Streiks, unverhältnismäßig hohe Flüchtlingsströme, Anstieg der Kriminalität und der Terroranschläge sowie die Verschärfung kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Politiker sind dann kaum noch in der Lage, gegebenenfalls auch nicht mehr willens, ihre Rolle als Ordner für die Stabilisierung des bestehenden Systems erfolgreich auszuüben. Es ist empfehlenswert, unter diesem Aspekt die aktuelle nationale und internationale Situation, z. B. die Flüchtlingskrise, kritisch und ideologiefrei zu analysieren, um schnell global wirksame Maßnahmen zur Verringerung der sozialen Ungerechtigkeit zu realisieren.

Schmetterlingseffekt

gt 2023 01 095Bei Nichtlinearität von Prozessen können geringste Störungen die gesellschaftliche Ordnung in Frage stellen, schreibt Fischwasser und erinnert an den Schmetterlingseffekt in der Chaostheorie, wonach „kleinste Änderungen der Anfangsbedingungen des Systems sich langfristig auf die Entwicklung des Systems auswirken“.

Ein Zwischenfazit könnte deshalb sein, dass der Beginn einer solchen Phase der gesellschaftlichen Destabilisierung mit einem kritischen Sozialgradient korreliert, der sich auch hemmend auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Erzwungenes weiteres Wirtschaftswachstum ist dann ausschließlich profitorientiert und dient keinesfalls dem allgemeinen Volkswohlstand. Schlimmer noch: Eine Verschärfung sozialer Ungerechtigkeit mit systemzerstörenden Wirkungen wird sogar billigend in Kauf genommen.

Aber nicht nur Zustandsänderungen an sich sind systemrelevant, sondern insbesondere auch die Änderungsdynamik, hier konkret die Wachstumsdynamik. Eine hohe Wachstumsdynamik erschwert die Anpassung der Individuen an neue Situationen in immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Systemen, macht diese mit hoher Wahrscheinlichkeit ab einem bestimmten Punkt unmöglich, so dass auch aus dieser Sicht mit systemzerstörenden Wirkungen zu rechnen ist. Als Beispiel soll die beschleunigte Digitalisierung aller gesellschaftlichen Prozesse dienen. Vieles deutet darauf hin, dass die Digitalisierung als qualitativer Wachstumsfaktor in erster Linie der weiteren Profitmaximierung und nur teilweise dem Allgemeinwohl dienen wird. Das führt zwangsläufig zu einer weiteren Verschärfung des Sozialgradienten. Schließlich muss sich in einer extrem „geldorientierten“ Gesellschaftsordnung alles profitabel rechnen, so dass mit der Digitalisierung höchstwahrscheinlich weit mehr Arbeitsplätze verschwinden als neue geschaffen werden. Die Zukunft wird es zeigen.

Bemerkenswert sind auch Informationen aus der Wissenschaft, dass sich mit wachsender Dynamik der digitalen Strukturbildungsprozesse die „Künstliche Intelligenz“ irgendwann verselbständigen und sich dem Einfluss des Menschen sogar entziehen könnte [9]. Ein Horrorszenarium in der Diskussion um Wachstum und Wachstumsgrenzen.

Wohin mit der Entropie?

Derzeit führen Kriege...Derzeit führen Kriege...Wirtschaftswachstum ist mit steigendem Energiebedarf verbunden. Stockt der Energiestrom plötzlich, bricht eine komplex strukturierte gesellschaftliche Ordnung und somit auch das Wirtschaftswachstum zusammen. Die gegenwärtige Energiekrise zeigt das anschaulich. Die für menschliches Tun nötige Energieform, z. B. elektrische Energie, muss durch Transformation der Input-Energieformen (Sonnen-, Wind-, Kern- sowie chemische Energie aus fossilen Brennstoffen) generiert werden. Die aktuellen Schwierigkeiten bei der Energieträgerumstellung auf Nachhaltigkeit in Verbindung mit der Bewältigung der Klimakrise weisen bereits deutlich auch auf Bremswirkungen im Wirtschaftswachstum hin. Ursachen sind die sich abzeichnende Versorgungsunsicherheit in der Energiebereitstellung, aber auch die Verschärfung des Sozialgradienten infolge profitorientierter, ungerechter Verteilung der dabei anfallenden Kosten. Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass offensichtlich Energietransformationen bis in den mentalen Bereich des einzelnen Menschen das Wirtschaftswachstum beeinflussen und demzufolge systemrelevant sind.

Steigender Energieumsatz durch menschliche Aktivitäten produziert in steigendem Maße auch Entropie (Abwärme, Abfall), die aus dem System entfernt werden muss. Es ist quasi Unordnung an die Umgebung abzugeben, wenn Ordnung und Strukturbildung im System aufrechterhalten werden sollen. Je komplexer und vielschichtiger ein soziales System ist, um so höher ist der Energiebedarf und der nötige Entropie-Export. Interessant ist deshalb die Aussage: Entropie-Export ist wie „Müll vor die Tür kehren“ [8]. Man kann diesen Vergleich wörtlich nehmen und den Entropie-Export auf Abwärme und Abfallströme reduzieren, die immer öfter in großem Umfang aus strukturstarken in strukturschwache Länder fließen und über diesen Weg zunehmend global die Umwelt belasten und insbesondere auch zur Klimaverschlechterung beitragen. Das wäre aber für Betrachtungen zum Wirtschaftswachstum und dessen Grenzen zu kurz gegriffen. Unordnung wird im übertragenen Sinne auch dann an die Umgebung abgegeben, wenn hochentwickelte, kapitalistische Industrieländer (Systeme) ihr Wirtschaftswachstum maßgeblich auf der Ausbeutung von Entwicklungsländern (Umgebung) aufbauen. Die Nutzung billiger Rohstoffe und Energieträger, aber auch billiger Arbeitskräfte bei gleichzeitiger Verhinderung einer eigenen Strukturentwicklung in den Entwicklungsländern kennzeichnen diese Ausbeutung und damit unter einem anderen Blickwinkel auch den Entropie-Transfer. Nicht Hilfe zur Selbsthilfe steht im Mittelpunkt, sondern egoistische Ressourcennutzung und günstige Absatzmärkte zwecks Profitmaximierung, d. h. Ordnung und Wirtschaftswachstum zu Lasten Dritter.

... aber auch Flüchtlingsströme, hier das Flüchtingscamp Idomeni in Griechenland, zu einer Systemdestabilisierung  ... aber auch Flüchtlingsströme, hier das Flüchtingscamp Idomeni in Griechenland, zu einer Systemdestabilisierung Rifkin [10] hat diese Entwicklung vom Standpunkt der Thermodynamik auf den Punkt gebracht: „Die Evolution schafft Inseln der Ordnung in immer größeren Meeren der Unordnung“. Der Autor verbindet dabei die gesellschaftliche Evolution mit zunehmender Energieverschwendung, ungehemmter Ausbeutung der Umwelt und Unterdrückung der Völker. Überkritischer Energiefluss zur Strukturentwicklung in hochentwickelten Ländern bedingt überkritischen Entropie-Export. Dieser wiederum verschärft global den Sozialgradient. Es besteht demzufolge eine Korrelation zwischen Entropie-Export, Sozialgradient und Grenzen des Wirtschaftswachstums. Am Beispiel der exorbitanten Flüchtlingsströme aus strukturschwachen, armen Ländern in strukturstarke, reiche Länder wird sichtbar, welche destabilisierenden Auswirkungen extreme Sozialgradienten langfristig haben. Es ist eine Flüchtlingskrise entstanden, wobei immer deutlicher zu erkennen ist, dass der Aufwand zur Bewältigung derselben auch das Wirtschaftswachstum der reichen Länder empfindlich bremst. Kann z. B. die Flüchtlingskrise nicht schnellstens durch wirksame Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort beseitigt werden, wird in absehbarer Zeit die Strukturentwicklung auch für die „Inseln der Ordnung“ nicht mehr möglich sein. Ähnliche Betrachtungen sind auch im Rahmen der Klimakrise von Nöten.

Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele dafür, wie ausschließlich auf Wachstum orientierte Hochkulturen an den extrem steigenden Aufwendungen zur Aufrechterhaltung des Wachstums zugrunde gegangen sind. Erinnert sei z. B. an das Römische Reich, das seinerzeit sein Imperium immer weiter vergrößerte, aber letztlich infolge Energiemangel zusammengebrochen ist. Das zunehmende Energiedefizit machte es unmöglich, die Infrastruktur und die Bevölkerung in einem stabilen Nichtgleichgewicht zu halten.

Fazit:

Soziale Ungleichheit könnte die gesellschaftliche Ordnung ebenfalls  aus dem Lot bringenSoziale Ungleichheit könnte die gesellschaftliche Ordnung ebenfalls aus dem Lot bringenSozialgradienten, die infolge Profitmaximierung gesellschaftliche Systeme destabilisieren, begrenzen letztlich auch das Wirtschaftswachstum. Überkritischer Entropie-Export und seine Folgen verdeutlichen dies. Wachstumsgrenzen können allerdings nicht exakt angegeben werden, da es möglich ist, Wirtschaftswachstum zeitweilig auch über einen kritischen Grenzbereich hinaus zu erzwingen. Eine daraus eventuell resultierende Systemzerstörung wird aber dann durch die handelnden Protagonisten billigend in Kauf genommen. Aktuelle Krisensituationen, wie die Flüchtlings- und Klimakrise, verstärken durch die Corona-Pandemie sowie kriegerische Auseinandersetzungen und die sich abzeichnenden Schwierigkeiten bei deren Überwindung, unterstreichen dies.

Der Zukunft zugewandt stellt sich allerdings auch die Frage: Ist ein „Meer der Ordnung ohne Inseln der Unordnung“ denkbar? Nein, wenn Profitgier und steigende soziale Ungerechtigkeit weiterhin die gesellschaftlichen Prozesse bestimmen. Ja, wenn sich global kooperatives Zusammenwirken zur Entwicklung nachhaltiger Systemstrukturen durchsetzen könnte, wenn Wachstumsgrenzen nicht nur bei der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch hinsichtlich des Bevölkerungswachstums erkannt und berücksichtigt werden und wenn ein ökologisch, sozial verträglicher Umgang mit allen öffentlichen Ressourcen erfolgen würde.

Es ist ein „Muss“, die Entropie-Produktion drastisch zu senken, so dass in vielen Bereichen sogar Fragen der Umverteilung materieller Güter, aber auch der Verzicht anstelle von Profitgier zum gesellschaftlichen Konsens gehören sollten. Richtungsweisend ist in diesem Zusammenhang das Buch „Energie, Entropie, Kreativität“ [11]. Es vermittelt einen Brückenschlag von entsprechenden naturwissenschaftlichen Grundlagen über treibende und bremsende Mechanismen des Wirtschaftswachstums bis hin zu der Erkenntnis, dass auch eine Überarbeitung des aktuellen Wohlstandsmodells erforderlich ist.

Leider bietet der Kapitalismus derzeitiger Prägung noch keine Ansatzpunkte zur Lösung dieser komplexen Problematik und vermittelt aus meiner Sicht auch wenig Hoffnung für die Zukunft.

Ein Dank gilt Dr. rer. nat, K.-F. Albrecht, ehemals Dozent für Umweltsystemanalyse an der TU Dresden.

Literatur

[1] W. Nachtigall: Bionik - Grundlagen und Beispiele für Ingenieure und Naturwissenschaftler, Springer-Verlag, 2. Auflage (2002)
[2] K.-F. Albrecht: Umweltsystemanalyse mit Hilfe der Computersimulation und Umweltproblematik als Evolutionsdruck für ökologische und ökonomische Systeme, Vorlesungsreihe; https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa2-78331
[3] M. Miegel: Exit - Wohlstand ohne Wachstum, List Taschenbuch (2011)
[4] J. M. Rubi: Wie aus Chaos Ordnung entsteht, Spektrum der Wissenschaft, 4 (2009), 30–35
[5] H. Haken: Erfolgsgeheimnisse der Natur, Synergetik: Die Lehre vom Zusammenwirken, 2. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart (1981)
[6] G. Nicoles; J. Prigogine: Die Erforschung des Komplexen, R. Piper GmbH & Co. KG München (1987)
[7] W. Ebeling; R. Feistel: Chaos und Kosmos, Prinzipien der Evolution, Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin Oxford (1994)
[8] W. Ebeling: Physikalische Prinzipien der Selbstorganisation der Materie, Urania, Leipzig, 59 (1983) 6, 32–37
[9] S. Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen, Klett-Cotta (2018)
[10] J. Rifkin: Die H2-Revolution - Mit neuer Energie für eine gerechte Weltwirtschaft, Kapitel 3: Aufstieg und Untergang von Kulturen nach den Hauptsätzen der Thermodynamik, Campus Verlag Frankfurt/New York (2002)
[11] R. Kümmel; D. Lindenberger; N. Paech: Energie, Entropie, Kreativität, Was das Wirtschaftswachstum treibt und bremst, Springer Spektrum (2018)

 

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 1
  • Jahr: 2023
  • Autoren: Prof. Dr. rer. nat. habil. Klaus Fischwasser

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