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Mittwoch, 20 Januar 2021 10:59

Blick nach vorn – wie europäische Board-Hersteller trotz Corona investieren

von Dr. Hartmut Poschmann
Geschätzte Lesezeit: 6 - 12 Minuten
Abb.: 12: Neue LDI-Anlagen bei Eltos Abb.: 12: Neue LDI-Anlagen bei Eltos

Leiterplattenhersteller stecken in schwierigen Zeiten: Auftragseinbrüche, erschwerte Arbeitsbedingungen, chinesische Billigangebote. In zwei Beitragsteilen werden Vorhaben und Probleme von 14 Unternehmen derBranche vorgestellt – Teil 2 befasst sich mit PCB-Produzenten aus den benachbarten EU-Ländern.

Die Recherche ergab, dass zahlreiche Board-Produzenten die Zeit nutzen, um die Digitalisierung voranzutreiben und in neue Maschinen und Technologien zu investieren. Nicht nur in Deutschland sind viele Leiterplattenhersteller in diesem Jahr mit Investitionen in ihre Fertigungen beschäftigt, sondern auch in den EU-Nachbarländern. Als Beispiele werden Eurocircuits und Eltos vorgestellt. Von besonderem Interesse ist dabei Eurocircuits, weil sich der mittelständische belgische Dienstleister mit Produktionsstätten in Deutschland öffentlich wiederholt nicht nur über seine eigene Situation im Corona-Jahr und über die fachliche Weiterentwicklung des Unternehmens äußerte, sondern auch sehr kritisch und warnend auf die zunehmende Abhängigkeit europäischer Elektronikhersteller von China hinwies, die Leiterplattenproduzenten eingeschlossen.

International Eurocircuits N. V.

Der belgische Komplettdienstleister mit Hauptsitz in Mechelen und drei Produktionsstandorten in Deutschland (Kettenhausen und Bäsweiler) sowie Ungarn existiert seit 1991. Er begann zunächst mit der PCB-Fertigung. Seit 2017 wurde der Aufbau eines leistungsfähigen eigenen Bestückungsservices angegangen, so dass das Unternehmen mit seinen 420 Mitarbeitern heute in Grundzügen ähnlich wie asiatische Dienstleister agiert. Es ist für Europa etwas ungewöhnlich. Das Unternehmen folgte seinem Motto auf der Internetseite „In Europa investieren – in die Zukunft investieren” auch in diesem Jahr und setzte seine Investitionstätigkeit von 2019 auch während Corona fort (Abb. 11).

„Die Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie von der chinesischen Lieferkette ist gefährlich“

Bemerkenswert ist die sehr offene Kommunikation des Unternehmens mit den Kunden auf seinen Internetseiten besonders ab Februar 2020. Eurocircuits war einerseits mit der Flut der eingehenden Bestellungen wegen der Lieferausfälle von China überlastet und versuchte, durch extreme Kapazitätsauslastung den Kundenwünschen zu entsprechen, andererseits setzte sich die Geschäftsleitung gleichzeitig mit dem unfähren Verhalten chinesischer Leiterplattenfirmen auseinander. Besonders lesenswert ist die Pressemitteilung vom 23. März 2020, die den Titel trägt „Die Abhängigkeit der europäischen Elektronikindustrie von der chinesischen Lieferkette ist gefährlich.“ Darin wird u. a. darauf hingewiesen, dass chinesische Lieferanten ein zunehmendes Interesse an dem in Europa verbliebenen Marktsegment Prototypen und Kleinserien mit schnellen Lieferzeiten zeigen.

plus 2021 01 0032Abb. 11: Klare Ansage von Eurocircuits auf seiner Internet-Hauptseite Im August äußerte sich Geschäftsführer und Vertriebsleiter Dirk Stans öffentlich so: „Für uns war der Lockdown eine Chance zu beweisen, wie leistungsfähig und flexibel die europäische Elektronikindustrie ist und wie wichtig die einheimischen Lieferanten für uns sind.“ Die gegenwärtigen Innovationen haben die Weiterentwicklung der digitalen Prozesse und Werkzeuge für Hardwareentwickler und PCB-Designer als Ziel. Mitte September gab Eurocircuits seine neue 24/7-Kundenschnittstelle frei. Entwickler können jetzt rund um die Uhr online in der Beta-Version Design- und Bestückdaten Schritt für Schritt kostenfrei validieren, Preise und Liefertermine exakt kalkulieren und Prototypen online bestellen. Die neue Kundenschnittstelle ist die Weiterentwicklung der Digitalstrategie des Unternehmens. Alle Maßnahmen dienen dem Basisziel ‚First time right'. In der Kundenschnittstelle sind die intelligenten Web-Tools PCB- und PCBA-Vizualizer integriert. Ihr Vorteil: Der Entwickler sieht vor der Bestellung in einem 3D-Bild, wie seine Leiterplatte und Baugruppe nach der Fertigung aussehen.

Das von Eurocircuits entwickelte interaktive, vollautomatische Web-Werkzeug prüft die Designdaten auf Vollständigkeit, zeigt kritische Stellen im Design und gibt konkrete Vorschläge, um Designfehler zu beheben. Es ist nicht zu übersehen, dass Eurocircuits große Anstrengungen unternimmt, um für deutsche und andere Kunden attraktiv zu sein, damit diese nicht zunehmend nach China abwandern. Russland ist ein warnendes Beispiel für diese Abwanderung. Trotz enormer Anstrengungen der russischen Leiterplattenhersteller lassen wichtige russische Elektronikhersteller bevorzugt in Südostasien, insbesondere in China, fertigen. Sie tragen so zu der traurigen Lage der einheimischen PCB- und EMS-Firmen bei.

Eltos S. P. A.

Der italienische Leiterplattenhersteller mit Sitz in Arezzo wurde 1991 gegründet und liefert nach Europa, Asien und Nordamerika. Er setzt eine beeindruckende Skala von Laminaten mit entsprechender Lieferantenbandbreite ein und bedient eine breit gestreute Gruppe von Endanwendern. Boards auf Basis von Hoch-Tg-Laminaten und UL-Zulassung sind ein Schwerpunkt.

Im Moment betragen die minimalen L/S-Werte bei den Außenlagen von Standardleiterplatten 0,125/0,100 mm, bei Innenlagen 0,100/0,100 mm. Im Advanced-Bereich liegen die Werte bei 0,100/0,075mm bzw. 0,075/0,075 mm. Im Prototypen-Bereich schrumpfen die Werte auf 0,075/0,075 bzw. 0,050/0,050 mm. Hieraus leiten sich die Ziele der laufenden Investitionen ab, nämlich im Standard- bzw. Advanced-Bereich weiter vorzurücken auf die nächst kleineren Werte. Dazu installierte man vor kurzer Zeit eine zweite Röntgenbohrmaschine Inspecta Combo HP.

Die Investitionen von Eltos zielen als Schwerpunkt demnach vor allem auf die Realisierung von Leiterplatten mit ständig kleineren Line/Space-Parametern im HDI-Sektor (25 µm) ab. Dafür wird auf entsprechende hochgenaue 5-Spindel-Schmoll-Bohrmaschinen mit einer Wiederholgenauigkeit von +/-25 µm und hoher Drehzahl (max. 250 kU/min) orientiert.

Kürzlich wurde die LDI-Kapazität (Laser Direct Imaging) verdoppelt. Eigentlich ziehen sich die Neuinvestitionen durch die gesamte Produktionshalle. Beispiele: Spray Solder Resist-Anlage, Micro Etch-Linie für die Vorbereitung von Innenlagenoberflächen, maßgeschneiderte AOI von Orbotech für die Inspektion extra langer Boards, ITC Plugging-Maschine für die Harzfüllung von Durchsteigern, Burkle-Presse für Teflon-Laminierung, Cut Sheet Laminator SMARTLAM 5200 von Dynachem für die Innenlagenfertigung. Die größte Investition sind jedoch zwei LDI Orbotech-Maschinen, eine extragroße und eine vollständig automatisierte Maschine mit AE-Robotern zum Laden/Entladen. Ebenso sind eine X-Vision zur Röntgeninspektion von Multilayer und eine Fräsmaschine Duo neu im Einsatz (Abb. 12).

Diese aus Sicht eines kleineren Unternehmens gewaltige Ausweitung des Maschinenparks ist erstaunlich, denn Eltos produziert mit rund 100 Mitarbeitern im Segment High-Mix Low-Volumes sowie QTA Express Services Leiterplatten, die in recht verschiedenen Bereichen eingesetzt werden. Diese sogenannte ,Nischenfertigung' ist ähnlich wie bei der Mehrzahl der deutschen Board-Hersteller. Produktbeispiele sind Leiterplatten für Beatmungsgeräte, Telekommunikation, Automatisierung, Sicherheit, Automobilindustrie, Luftfahrt, Militär. Auch für europäische Forschungseinrichtungen, vor allem CERN in Genf und das italienische Institut für Kernphysik, wird gefertigt. Man kann durchaus von einer strategisch und sicherheitstechnisch wichtigen Position des Unternehmens sprechen.

Letzteres bekräftigt auch noch einmal die Bedeutung einer eigenen, sicheren als auch wirtschaftlichen Elektronikfertigung in Deutschland, wie sie eben die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, bei der Auftaktveranstaltung der BMBF-Leitinitiative ,Vertrauenswürdige Elektronik' im Juni 2020 forderte. Es ist ein komplexes und sensibles Thema, welches die deutsche Leiterplattenindustrie in der kommenden Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit noch intensiv beschäftigen wird und wo es zu gewissen europäischen oder wenigstens nationalen Grundsatzhaltungen kommen muss.

Wie kann sich die deutsche bzw. europäische PCB-Industrie schützen?

Spricht man über Schutz, muss man an mindestens drei Aspekte denken:

  • Sicherheit vor Aushöhlung und Verlust der europäischen Leiterplattenindustrie durch chinesische Billigimporte
  • Sicherheit der physischen Lieferketten, besonders für den Krisenfall
  • Sicherheit des geistigen Eigentums der deutschen bzw. europäischen Elektronikproduzenten

Zum ersten Punkt passt eine Pressemeldung vom 16. September 2020 von ICAPE Frankreich. In ihr wird mitgeteilt, dass die französische Niederlassung des chinesischen Leiterplattenherstellers ICAPE in Polen mit ICAPE Polska sp. z o.o ein weiteres Vertriebsbüro eröffnet hat. Bisher wurden Polen wie auch Deutschland von ICAPE Frankreich mitbearbeitet. Der Umsatz der Chinesen in Polen beläuft sich auf mehr als 11 Millionen US-Dollar pro Jahr und ist damit nach den USA und Frankreich der drittgrößte Markt für sie. Insgesamt verzeichnete ICAP im letzten Geschäftsjahr mit 420 Mitarbeitern 125 Millionen US-Dollar Umsatz, Tendenz wachsend. Man ist der Ansicht, dass der polnische Markt großes Potenzial hat. ICAPE Polska wird sich hauptsächlich auf die Gewinnung neuer Kunden konzentrieren, wobei der Schwerpunkt zunächst auf dem polnischen Markt liegen wird. Im Laufe der Zeit soll sich der Tätigkeitsbereich ausweiten, beispielsweise auf die südlichen Nachbarländer. Dort sind aber auch die deutschen Leiterplattenhersteller aktiv, so dass damit zu rechnen ist, dass sich der Absatzmarkt für PCB in den kommenden Jahren strukturell schleichend verändern wird – möglicherweise aufgrund niedrigerer Board-Preise zugunsten der Chinesen.

„Deutschland ist Innovationsland und will das auch bleiben.“

Aber es gibt auch deutsche Leiterplattenfirmen, die bereits personell sehr eng mit chinesischen Unternehmen verbandelt sind. Beispielsweise hat sich der Mannheimer PCB-Produzent EPC ELREHA Leiterplattentechnik GmbH im Jahr 2019 mit der Bleam Group Limited aus China zusammengeschlossen und lässt dort Boards fertigen. EPC ELREHA hat mit Zhongjian Wie einen chinesischen Geschäftsführer.

Damit kommen wieder die vorn geäußerten Bedenken von Eurocircuits ins Spiel, dass die europäische Leiterplattenindustrie von chinesischen Herstellern immer mehr unterminiert wird: Jetzt aber nicht nur durch die bereits einige Jahre aktiven europäischen Handels- oder Produktionsfirmen, die in China Leiterplatten bestellen, sondern auch immer stärker durch die eigenen Vertriebsniederlassungen der Chinesen vor Ort in Europa. ICAPE ist dafür nur ein Beispiel von mehreren.

plus 2021 01 0033Abb. 13: Die neue Leiterplattenfabrik von Schweizer in China Hält man sich die laufenden Aktivitäten der USA und beispielsweise auch Japans zur Verringerung der Abhängigkeit ihrer Elektronikindustrien von China vor Augen (Stichworte: Rückführung der Fertigungen in das Heimatland bzw. Verlagerung der Produktion in andere Länder, Vergrößerung der Produkt- und Liefersicherheit), ist man gleich bei allen drei vorn genannten Punkten. Die Aktivitäten der USA und Japans haben Problemlösungen zu allen drei vorn genannten Punkten im Auge. Sie begannen damit bereits vor der Corona-Epidemie, haben durch letztere aber eine nochmalige Bestätigung als auch Beschleunigung erfahren. Nicht zuletzt werden durch die Rückführung der Produktion kritischer Produktgruppen in diesen Ländern auch Arbeitsplätze gesichert bzw. neu geschaffen.

So ist es nicht verwunderlich, dass nun auch die deutsche Regierung allmählich auf den anderswo in voller Fahrt befindlichen Zug der nationalen Sicherheit und stabiler sicherer Lieferketten aufgesprungen ist. Nicht zuletzt zur Unterstützung einer eigenen wirtschaftlichen Elektronikfertigung in Deutschland hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nämlich die Leitinitiative ,Vertrauenswürdige Elektronik' gestartet. Bei der Auftaktveranstaltung im Juni 2020 sagte die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, folgendes: „Deutschland ist Innovationsland und will das auch bleiben. Dafür ist es wichtig, dass wir uns bei Schlüsseltechnologien im internationalen Wettbewerb behaupten und technologisch souverän sind. Das gilt insbesondere für die Elektronik, die immer mehr sicherheitskritische Funktionen übernimmt.“ Darin ist selbstverständlich auch die Leiterplattenindustrie als entscheidendes Glied in der Elektronikfertigung eingeschlossen. Leiterplatten enthalten grundlegendes entscheidendes geistiges Eigentum ihrer Urheber. Die Leitinitiative schließt letztlich alle drei vorn genannten Punkte ein.

Die USA sind in diesen Fragen schon einen Schritt weiter und haben 2020 im US-Senat den National Defense Authorization Act (NDAA) beschlossen. Dort geht es darum, dass sicherheitsrelevante Elektronik in den nächsten zehn Jahren zunehmend in den USA selbst oder als Ausnahme eventuell noch in solchen Ländern produziert werden soll, die den USA vertrauenswürdig sind. Vergegenwärtigt man sich, was in der modernen digitalisierten Welt bereits alles sicherheitsrelevant ist oder dabei ist, es zu werden, dürfte die Produktpalette sehr groß sein. Das wird noch dadurch bestärkt, wenn man auch die duale Nutzbarkeit vieler Elektronikerzeugnisse wie militärisch als auch zivil berücksichtigt.

Der US-amerikanische Branchenverband IPC, der über sehr aktive Lobbyisten im Weißen Haus verfügt, war seitens der US-amerikanischen Elektronikindustrie führend bei der Installation von NDAA. Er leistete für die Realisierung des National Defense Authorization Act mit seinen mehrmachen Facetten entscheidende Vorarbeit. Die Erarbeitung von Grundsatzstandards, die sich mit der Auswahl vertrauenswürdiger Partnerunternehmen, der Sicherheit in der Lieferkette und dem Aufbau vertrauenswürdiger Lieferketten befassen, ist ein wachsendes Betätigungsfeld des Verbandes. Beispiele:

  • IPC-1791A: Trusted Electronic Designer, Fabricator and Assembler Requirements (Januar 2020)
  • IPC 1782A: Standard for Manufacturing and Supply Chain Traceability of Electronic Products (in Aktualisierung)
  • IPC-1792: Standard for Cybersecurity Management in the Manufacturing Industry Supply Chain (Working Draft, d. h. in Arbeit)

Was bieten deutsche Branchenverbände?

Man kann die Frage stellen, mit welchen ähnlichen Dokumenten deutsche Branchenverbände wie der ZVEI (oder gar ein europäischer Dachverband) die Firmen im DACH-Bereich in den genannten Problembereichen wirksam unterstützen können. Interessant wäre auch zu erfahren, welche Schlussfolgerungen beispielsweise der ZVEI aus der Leitinitiative „Vertrauenswürdige Elektronik“ zieht und welche Empfehlungen er den Firmen geben kann.

Erinnert man sich beispielsweise an die Pressemitteilung der Schweizer Electronic AG vom 26. Mai 2020 zur Inbetriebnahme ihres neuen PCB-Werkes in Jiangsu mit einer fünffach größeren Kapazität als im deutschen Standort Schramberg, entsteht sofort die Frage, inwieweit die Ziele der Leitlinie des BMBF eingehalten werden können. Schweizer will ja von China aus auch die deutsche Elektronikindustrie mit hochwertigen Leiterplatten zu wettbewerbsfähigen Preisen beliefern, z. B. die Automobilindustrie.

Ist nicht zu erwarten, dass solche Firmen wie Eurocircuits, die bewusst nur in Europa produzieren, nun auch noch neben den chinesischen ruinösen Angeboten möglicherweise zusätzlich billigere Produktionsangebote solcher deutscher Board-Hersteller wie Schweizer zu verkraften haben, die in China fertigen und die Boards bestückt oder unbestückt auf den europäischen bzw. deutschen Markt bringen? Die aus den hier vorgestellten Firmenbeispielen erkennbare Tendenz, die Produktion in der deutschen Leiterplattenindustrie als Gegenwehr zu den chinesische Billigangeboten (und möglicherweise auch zu denen von Schweizer) möglichst weitgehend zu automatisieren bzw. zu digitalisieren, hat aus unterschiedlichen Gründen insbesondere bei den kleineren mittelständischen Board-Produzenten ihre Grenzen.

Dann ist die Gefahr, dass der Restbestand der deutschen Leiterplatten- und auch EMS-Sparte mittelfristig allmählich ,den Bach runter geht', nicht von der Hand zu weisen. Hier müssten die Behörden letztlich Regulierungsmechanismen einführen, zur Not über entsprechende angepasste Einfuhrzölle zum Schutz der einheimischen Leiterplattenfirmen. Wie sollen sonst die Forderungen der Leitinitiative in wichtigen Kernfragen erfüllt werden? Durch freiwilliges Handeln bestimmter Kreise der deutschen Elektronikindustrie?

Warum sollen in einer Zeit, in der die Digitalisierung der Unternehmen global rasant voranschreitet, Leiterplatten mittels moderner digitaler, möglicherweise sogar KI-unterstützter Werkzeuge nicht genauso einfach in einem chinesischen Board-Shop in China direkt bestellt werden können wie bei europäischen bzw. deutschen Firmen, beispielsweise Eurocircuits?

Es kommt damit noch ein weiterer Aspekt hinzu, den die Leitinitiative des BMBF unausgesprochen zum Inhalt hat: Weil es bei ,Vertrauenswürdige Elektronik' vor allem auch um Sicherheit geht, darf eine simple Wahrheit nicht vergessen werden: Mit modernen Apps lassen sich aus den PCB-Fertigungsdaten und umso mehr aus den Bestückungsdaten mit Leichtigkeit die elektrischen Schaltungen und damit das IP (Intellectual Property) der Geräte- und Systemhersteller herauslesen. Dadurch, dass den chinesischen Dienstleistern alle notwendigen Fertigungsdaten direkt ,zugespielt' werden, sind der Industriespionage und nachfolgender unerwünschter Beeinflussung die Tore weit geöffnet. Eines darf nicht vergessen werden: Nicht zuletzt bedingt durch die Handelsstreitigkeiten mit den USA hat die chinesische Regierung ihre Anstrengungen deutlich vergrößert, in vielen Technikgebieten den Anschluss an den fortgeschrittenen internationalen Stand möglichst bald zu erreichen.

Egal wie man es sieht: Produktion sicherheitsrelevanter Elektronik (dazu zählen nicht nur kritische Industrieeinrichtungen, sondern auch autonom fahrende Fahrzeuge) im eigenen Land bzw. innerhalb der EU ist immer noch sicherer, als wenn die Daten in weit entfernte Länder wie China gegeben werden, egal ob sie dort bei chinesischen oder bei deutschen Produktionsfirmen landen. Dieses Thema sollte in der kommenden Zeit Gegenstand intensiver Diskussionen werden.

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  • Ausgabe: 1
  • Jahr: 2021
  • Autoren: Dr. Hartmut Poschmann

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