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Mittwoch, 07 Juli 2021 11:59

Russlands Elektronikstrategie bis 2030 - Teil 1

von
Geschätzte Lesezeit: 8 - 16 Minuten
Abb. 1: Mikroelektronik ist das Herz jedes modernen Landes Abb. 1: Mikroelektronik ist das Herz jedes modernen Landes

Russland unternimmt – wie die USA, Japan und Deutschland – Anstrengungen, seine Elektronikindustrie deutlich zu stärken. Die neue Elektronikstrategie soll das Land bis 2030 vor allem in der Mikroelektronik unabhängiger vom Weltmarkt und von Sanktionen machen.

Vergleiche zeigen, dass die Bemühungen Russlands um mehr nationale Sicherheit inhaltlich dem sehr ähnlich sind, was in den anderen genannten Ländern passiert. Für deutsche Firmen hält die russische Elektronikstrategie zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten bereit. Trotz allenthalben spürbarer und leider zunehmender Anti-Russland-Politik seitens USA und anderer NATO-Mitgliedsstaaten sind deutsche Firmen immer noch oder bereits wieder im russischen Elektronikmarkt tätig. Russland seinerseits setzt seit vielen Jahren auf Technologien und Ausrüstungen aus den westlichen Ländern, insbesondere aus Deutschland.

Beleg dafür ist, dass deutsche Firmen wie Rehm, IC-Haus und Würth Elektronik auch dieses Jahr an der ElectronTechExpo im April in Moskau teilnahmen. Andere Firmen wie Phoenix Contact, Siemens, Bosch und Wika sind schon lange in Russland. Die neue Strategie für die Entwicklung der Elektronikindustrie Russlands bis 2030 mit ihren ambitionierten Zielen kann Firmen aus Deutschland vielversprechende Geschäftsmöglichkeiten bieten, so dass gewisse Mindestkenntnisse über sie von Vorteil sein können. Besonders heute gilt schließlich, dass anspruchsvolle Ziele in der angestrebten Qualität und Zeit in der Regel nur unter Nutzung der internationalen Arbeitsteilung erreicht werden können.

Die neue Elektronikstrategie wurde 2019 in Russland erarbeitet und im Januar 2020 verabschiedet. Auch andere Länder wie die USA und Deutschland, aber ebenfalls die EU haben 2019 angefangen, unter den sich vollziehenden globalen Veränderungen Konzepte für die schnelle Vorwärtsentwicklung ihrer nationalen Elektronikindustrien in den kommenden Jahren zu erstellen.

Beispielsweise veröffentlichte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im September 2019 ein Impulspapier zur Leitinitiative ,Vertrauenswürdige Elektronik' (Digitalstrategie). Ihr Ziel ist, nachhaltig den Kompetenz- und Know-how-Erhalt im Bereich der Mikroelektronik in Deutschland sicherzustellen und mehr technologische Souveränität zu erreichen [1]. Über die Maßnahmen, die in den USA im Jahr 2020 bzw. 2021 mit dem Ziel sicherer Lieferketten und mehr Produktion im eigenen Land eingeleitet wurden, ist in PLUS 4/2021 ausführlich berichtet worden [2]. In Bezug auf Vorhaben der EU sei an IPCEI, dabei insbesondere an IPCEI2 (Mikroelektronik) erinnert, welches im Dezember 2020 bekanntgegeben wurde. Die Abkürzung steht für ‚Important Project of Common European Interest'. Das Vorhaben soll einen Beitrag zur Sicherung der europäischen Technologie-Souveränität in der Mikroelektronik leisten [3]. Es ist darum folgerichtig, in diesem Beitrag auch die Situation und die Vorhaben der russischen Elektronikindustrie etwas ausführlicher darzustellen (Abb. 1).

Andere Ausgangsbasis, ähnliche Ziele

Ein genauerer Blick auf die russische Strategie zeigt, dass die jeweilige Ausgangsbasis für die USA, für Japan, die EU bzw. Deutschland und für Russland zwar sehr unterschiedlich ist, dass aber alle vorn genannten Vorhaben deutliche Gemeinsamkeiten bezüglich der Gründe für ihre Verabschiedung aufweisen. Es geht um größere strategische Sicherheit für die jeweilige Region durch mehr Investitionen in wichtige Teile der eigenen Elektronik- bzw. Mikroelektronikindustrie. Dennoch ist die Situation in Russland ganz und gar nicht mit den genannten Ländern bzw. Regionen vergleichbar, sondern wesentlich anders und komplizierter.

Die Erarbeitung der Strategie fiel in eine für Russlands Elektronikindustrie sehr kritische Zeit. Laut einer Mitteilung des russischen Verbandes der Lieferanten elektronischer Komponenten (www.aspecrf.org) vom Juni 2019 gab es einen Rückgang des russischen Marktes für elektronische Komponenten gegenüber dem Vorjahr um 5 %. Schon im Jahr 2017 ging das Liefervolumen bereits um 9 % zurück. Es war ein Trend eingetreten, auf den die russische Regierung reagieren musste. In der regierungskritischen Zeitung Komsomolskaja Pravda [4] hieß es 2019 in einem Artikel, dass zwar viel Geld in den Industriebereich investiert wird, aber in Geräten, die im eigenen Land hergestellt werden, immer noch ausländische Mikroelektronik dominiert. Im neuen Sukhoi Superjet 100 (Mittelstreckenflugzeug) beispielsweise stammen 80 % der Komponenten und Systeme, darunter die Elektronik, aus Importen (Abb. 2).Abb. 2: Beispiele für Zulieferungen für den Sukhoi Superjet 100 Abb. 2: Beispiele für Zulieferungen für den Sukhoi Superjet 100

Für den Nachfragerückgang bei Elektronikbauteilen gibt es laut [4] mehrere Gründe, wovon hier nur zwei genannt werden sollen:

  • Es existieren im Land kein gesunder Protektionismus und kein ausreichender Wunsch, die russische Elektronikindustrie zu entwickeln. Unternehmen der Verteidigungsindustrie geben ihre Aufträge lieber ins Ausland und gefährden damit nicht nur die inländische Produktion, sondern auch die Verteidigungsfähigkeit des Landes. Die Regierung schaut zu, wie die Inlandsproduktion der Reihe nach eingestellt wird.
  • Eine katastrophale Situation nicht nur in Fabriken, sondern auch in Forschungsinstituten, die sich mit Entwicklungen auf dem Gebiet der Mikroelektronik befassen. Im sozialen Bereich ist eine kritische Situation bei Arbeitnehmern und Spezialisten in der High-Tech-Industrie zu verzeichnen.

Laut [4] ist die Situation so: Große Unternehmen des Elektroniksektors die bisher stark von Aufträgen der staatlichen Verteidigungsindustrie im militärisch-industrieller Komplex abhingen, bekommen kaum noch Bestellungen, so dass sie qualifizierte Mitarbeiter entlassen müssen. Die Behörden reagieren auf althergebrachte Weise – sie vergrößern sich und ordnen die Unternehmen neu zu ‚riesigen Monstern'. Ein Beispiel: Die größte russische Holding Ruselectronics (Teil der Struktur von Rostec) schwillt weiter an – mittlerweile arbeiten mehr als 70 000 Menschen in ihren Unternehmen. Die staatlichen Investitionen in die Importsubstitution im militärisch-industriellen Komplex haben sich in den letzten Jahren verzehnfacht. Ein erheblicher Teil dieser Mittel wird für die Mikroelektronik ausgegeben, aber der Anteil der inländischen Komponenten wächst nicht. Hinzu kommen Vetternwirtschaft und Postenschieberei in den Chefetagen der Großunternehmen bzw. Konzerne, trotz erwiesener Unfähigkeit vieler ,leitender Kader' [4]. Die Mikroelektronik ist zu einem weiteren ,schwarzen Loch' für das russische Staatsbudget geworden.

Warum zwingend eine neue Strategie für Russland?

Die ,Strategie zur Entwicklung der Elektronikindustrie der Russischen Föderation für den Zeitraum bis 2030' (im Folgenden kurz als ‚Strategie' bezeichnet) wurde von der Regierung am 17. Januar 2020 als Beschluss Nr. 20 verabschiedet [5]. Bestandteil des Dokumentes ist ein umfangreicher Aktionsplan für die Umsetzung der Strategie. Das in Russisch gehaltene Original umfasst 33 Seiten. Erarbeitung und Diskussion zogen sich über das ganze Jahr 2019 hin. Der Ende 2019 veröffentlichte Entwurf diente zwar als Grundlage für die finale Strategiefassung, erfuhr aber letztlich noch wesentliche Veränderungen anhand der Zahlen zur aktuellen Situation der russischen Elektronikindustrie Anfang 2020.

Der Zwang für die Regierung, einen langfristigen ,Kompass' für die Weiterentwicklung der russischen Elektronikindustrie zu erarbeiten, hat sich in den letzten Jahren aus mehrfacher Sicht verschärft. Tabelle 1 verdeutlicht einen dieser Gründe [6]. In ihr ist der Produktionswert der Elektronik- und Optoelektronik-Industrie von 13 Ländern der zwei Gruppen Industrieländer und Entwicklungsländer für die Zeitspanne 1995–2015 in Zeitscheiben aufgeführt. Die Länder wurden nach ihrem Umsatz im Jahr 2015 angeordnet.

Tab. 1: Produktionswert der Elektronik- und Elektro-Optikindustrie ausgewählter Länder für die Zeitspanne 1995-2015 (Milliarden USD) [6] (Quelle: J’son & Partners Management Consultancy, Russland, auf Basis von OECD-Daten)

Land

1995

2000

2005

2010

2015

CAGR 2000-2015

China

46,7

142,9

366,8

806,3

1449,9

16,7 %

Japan

421,7

413,4

320,1

359,5

254,2

-3,2 %

Südkorea

71,4

107,4

161,6

249,9

235,4

5,4 %

USA

95,3

115,6

103,0

102,9

120,0

0,3 %

Deutschland

79,0

81,0

108,4

113,3

90,9

0,8 %

Malaysia

20,3

61,9

91,3

79,5

49,2

-1,5 %

Großbritannien

57,1

72,7

53,7

41,3

34,5

-4,8 %

Italien

33,8

32,9

45,7

48,7

32,3

-0,1 %

Frankreich

56,0

59,5

55,0

49,6

26,6

-5,2 %

Thailand

11,1

13,1

16,7

31,7

26,0

4,7 %

Indien

8,9

10,7

16,7

34,0

17,5

3,4 %

Russland

3,8

2,9

9,3

19,7

17,3

12,5 %

Indonesien

2,0

7,4

12,2

28,9

14,8

4,8 %

Die Tabelle mit ihren Aussagen bezüglich des zeitlichen Auf und Ab der Produktion einzelner Länder ist an sich schon interessant. Sie begründet beispielsweise indirekt aus quantitativer Sicht, warum sich die USA seit etwa 2019 verstärkt bemühen, die nach Südostasien ausgelagerte Elektronikfertigung zurück in ihr Land zu holen [2]. Aber auch in Russland ist man sich der misslichen Lage bewusst, dass das Land bezüglich der Elektronikproduktion nur den vorletzten Platz in der Tabelle einnimmt – nach Indonesien. Zwar wuchs die Elektronikproduktion von 2000 bis 2015 um etwa den Faktor 6, doch ist die absolute Summe im Vergleich zu den westlichen Industrieländern deutlich zu gering.Abb. 3: Die Produktion von Optoelektronik bei Swetlana in Sankt Petersburg hat lange TraditionAbb. 3: Die Produktion von Optoelektronik bei Swetlana in Sankt Petersburg hat lange Tradition

Es gab in den letzten Jahren öffentliche Mahnungen an die russische Regierung, mehr zu tun, damit das Land nicht völlig den Anschluss an eine zeitgemäße leistungsfähige Elektronikindustrie verliert und damit entscheidende Grundlagen für die Modernisierung des Landes und auch für die Gewährleistung seiner eigenen Sicherheit verspielt (Abb. 3). Wobei der Begriff ‚Sicherheit' in der neuen Strategie mehrdimensional verwendet wird: militärische Sicherheit, aber auch politische und soziale Sicherheit durch eine gut versorgte, zufriedene Bevölkerung.

Effizientere Arbeit ist das A und O

Als ein gewichtiger Grund für die unzureichende Entwicklung der nationalen Elektronikindustrie werden in der neuen Strategie die stetig größer werdenden Sanktionen seitens der USA und der NATO gegen Russland genannt. Diese haben sich zwar bremsend ausgewirkt, aber hinzu kommen noch weitere gravierende Ursachen wie die schon eingangs angerissenen. Man habe in den letzten 20 Jahren nicht genügend für den Auf- und Ausbau einer effizienten einheimischen Elektronikproduktion bei sich getan. Das beginnt in der Bauteilbasis, zieht sich über die PCB-Fertigung sowie EMS-Dienstleistungen hin bis zur Produktion der Finalgeräte. Im Strategietext wird deutlich auf massive Probleme in der effektiven Organisation der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit in Russland insgesamt und natürlich ebenfalls im Bereich des Minpromtorg hingewiesen. Letzteres ist das für die Elektronikindustrie zuständige Industrie- und Handelsministerium. Nicht ohne Grund trat die russische Regierung am 15. Januar 2020 nach der kritischen Neujahrsansprache von Präsident Putin geschlossen zurück, um Platz zu machen für eine fähigere Regierung. Nur zwei Tage später wurde die vorn erwähnte neue Strategie zur Entwicklung der russischen Elektronikindustrie bis 2030 veröffentlicht. Ein zeitlicher Zufall?

In der Strategie wird kritisiert, dass es bisher vielfach an der Bereitschaft mancher Unternehmen bzw. Institute zur effektiven Zusammenarbeit fehlt, so dass die bereits vorhandenen materiellen und technischen Möglichkeiten trotz gut klingender früherer Regierungsprogramme nicht effizient genutzt wurden (Abb. 4). Mit anderen potenziellen Partnern nicht abgestimmte Inselarbeit, zuweilen Doppel- oder Mehrfacharbeit sind an der Tagesordnung. Die Strategie fordert deshalb dazu auf, geeignete Konsortien aus Instituten und Betrieben zu bestimmten Themengebieten (Clustern) zu bilden, um zielgerichtet einzelne Aufgaben komplexer Natur unter Nutzung der besonderen Erfahrungen und Fähigkeiten der beteiligten Partner schneller als auch effektiver lösen zu können. In gewisser Hinsicht kann man die vorgeschlagene Bildung von thematischen Konsortien eventuell mit der in der EU und auch in Deutschland üblichen Organisation von Förderprojekten vergleichen. Auch in den USA ist diese interdisziplinäre Arbeitsweise sowohl aus horizontaler als auch vertikaler Sicht des Entstehungsprozesses von Elektronik insbesondere in der Verteidigungsindustrie seit Langem üblich. Auf sie wird auch in den neuen von DoD und IPC neu gegründeten Gremien orientiert [2]. In den russischen Medien wird darauf hingewiesen, dass man bei der Erarbeitung der neuen Strategie Erfahrungen asiatischer Länder (welcher?) beachtete.Abb. 4: Der russische Mikroelektronik-Produzent Angstrem ging fast in die Insolvenz Abb. 4: Der russische Mikroelektronik-Produzent Angstrem ging fast in die Insolvenz

Mehr strategisch wichtige Produktion im eigenen Land

Wachsende Teile der russischen Elektronikproduktion wurden in den vergangenen 25 Jahren nach Asien vergeben, z. B. nach Südkorea und Taiwan. So wird der taiwanesische Konzern TSMC von russischen Mikroelektronik-Designfirmen als Foundry für ihre IC-Entwürfe genutzt. Die Gründe für dieses teilweise Outsourcing sind allerdings komplexer als ähnliche Vorgänge seitens der USA oder Westeuropas. Neben ökonomischen Effekten wie billigere Produktion ging es auch darum, die Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland so weit wie zweckmäßig zu umgehen und eigene Technologie- und Qualitätsschwächen abzumildern, oder es gab in Russland nicht geeignete leistungsfähige IC-Fertigungen. Eine der Forderungen der neuen Elektronikstrategie lautet deshalb, zukünftig wieder mehr im eigenen Land zu produzieren, und das mit der erforderlichen Geschwindigkeit als auch Qualität.

Angesichts der wachsenden internationalen Spannungen, der zunehmenden Bedrohung durch den Handelskrieg USA-China und der Fortführung einseitiger Sanktionen für den Import elektronischer Komponenten, Ausrüstungen und Materialien seitens der USA bzw. NATO für Russland muss die neue russische Strategie laut Untersuchungen der Unternehmensberatung J'son & Partners Consulting Russia so angelegt sein, dass sie die genannten Risiken berücksichtigt und bestmöglich abmildert. Allerdings hat J'son & Partners die Untersuchungen dazu schon vor 2020 durchgeführt.

Der Autor nimmt folgendes an: Hätte man sie im Verlaufe von 2020 realisiert und wäre die Strategie erst Ende 2020 oder Anfang 2021 fertig geworden, würde sie wahrscheinlich noch etwas anders aussehen, also mit noch schärferen Forderungen an die zukünftige Entwicklung der russischen Elektronikindustrie. Denn Anfang 2020 war weder in Russland noch in den entwickelten westlichen Industrieländern das ganze Ausmaß der möglichen Gefährdung von Lieferketten durch Pandemien wie Covid-19 bekannt. Außerdem war noch nicht so in den Köpfen der Fachwelt verankert, dass durch parallele Naturkatastrophen, Unglücke und Ausfall von globalen Transportmöglichkeiten oder von Stromversorgungen die Versorgungs- bzw. Lieferprobleme im Worst Case-Fall zusätzlich potenziert werden können. Ein ‚gutes' Beispiel dafür ist der gewichtige japanische Halbleiterproduzent Renesas. Den massiven Produktionsausfällen nach dem Super-Erdbeben vom 11. März 2011 und dem Erdbeben vom 14. Februar 2021 folgte am 22. März 2021 ein Brand im Halbleiterwerk Naka. Letzterer hat zur Folge, dass die Versorgung mit Computerchips weltweit bis zum Sommer zu einem noch größeren Engpass wird.

Eine zwingende Schlussfolgerung: Je komplizierter die Elektronik/Mikroelektronik, je differenzierter die Arbeitsteilung, je größer die Globalisierung der Produktion und je weiter die Lieferwege, je größer die zu verzeichnenden Umweltprobleme und je labiler politische Verhältnisse, desto empfindlicher als auch anfälliger wird die Produktion weltweit. Augenscheinlich hat diese kausale Kette jetzt eine ,Qualität' erreicht, die grundlegende Veränderungen in zahlreichen Ländern erzwingt.

Think global – manufacture regional

Nicht nur in den USA, in Japan, in der EU und auch in Deutschland greift seit letztem Jahr zunehmend die Erkenntnis um sich, dass die Konzentration der Produktion strategisch wichtiger Bauteile und Gerätekomponenten auf einige wenige Mega-Fabriken irgendwo in Südostasien im Worst Case-Fall große Teile der Welt-Elektronikproduktion beinahe lahmlegen kann und zu riesigen ökonomischen Verlusten führt, eventuell noch verbunden mit Sicherheitsproblemen. Die in den genannten Ländern eingeleiteten Projekte, wieder mehr bei sich zu fertigen, belegen, dass ein entscheidendes Umdenken begonnen hat. ‚Economy first' gilt jetzt nicht immer als Spitzenkriterium für Entscheidungen, sondern ‚Nice to have'.

Europas wirtschaftliche Erholung von den Folgen der Corona-Pandemie und seine langfristige Zukunft hängen von der Aufmerksamkeit für die Elektronikindustrie ab, heißt es in einer neuen IPC-Studie Digital Directions, Greener Connections (An Industrial Policy Report on European Electronics Manufacturing) vom April 2021 [7]. Das gilt umso mehr auch für Russland, das ja nun seine Elektronikindustrie bis 2030 massiv ausbauen will. Die neue Strategie der russischen Regierung berücksichtigt die Mahnung der IPC-Studie bereits, dass die Bedeutung der Elektronikindustrie für das Land in den kommenden Jahren weiter entscheidend wächst und dass eine leistungsfähige Elektronikbranche überhaupt seine Zukunft bestimmt.

Für Russland bedeutet das, dass immer hartnäckigere Anstrengungen bei der Umsetzung der Import-Substitutionspolitik als Folge der massiven Sanktionen vor allem für kritische Komponenten erforderlich sind. Hinzu kommen jetzt wahrscheinlich noch die seit 2020 gemachten neuen Erfahrungen zu den unterbrochenen Lieferketten und das weiter gestiegene Sicherheitsbedürfnis.

Grundziele und Grundlagen der Strategie

Die Strategie zur Entwicklung der Elektronikindustrie definiert die Hauptrichtungen der staatlichen Politik bei der Entwicklung der Elektronikindustrie der Russischen Föderation für die Zeitspanne bis 2030. Sie zielt darauf ab, ein neues Wettbewerbsbild der Elektronikindustrie der Russischen Föderation zu schaffen. Der Inhalt lässt sich in Kurzform so umreißen [5]:

  • Entwicklung des wissenschaftlichen, technischen und personellen Potenzials
  • Optimierung der Produktionskapazitäten, deren Modernisierung und technische Umrüstung
  • Schaffung neuer technologischer Richtungen und Technologien
  • Einführung bahnbrechender industrieller Elektroniktechnologien
  • Verbesserung der normativen und rechtlichen Grundlagen

Ziel ist die Erfüllung der Bedürfnisse des Staates und anderer Kunden (z. B. der Zivilgesellschaft und -unternehmen) bei modernen Produkten der Elektronikindustrie.

Unter den zahlreichen in Abschnitt I des Dokumentes aufgeführten Gesetzen und Verordnungen, die während der Erarbeitung der Strategie beachtet wurden, nimmt eine die absolut wichtigste Position ein: Nationale Sicherheitsstrategie der Russischen Föderation (Gesetz Nr. 683 vom 31.12.2015). In ihr wird betont, dass eine moderne, stabile, von außen möglichst nicht angreifbare Wirtschaft das entscheidende Rückgrat für die Stabilität und Sicherheit des Landes und seiner Bevölkerung ist. Alle Maßnahmen der Elektronikstrategie wurden an diesem Gesetz auf ihre Zweckmäßigkeit oder Notwendigkeit gespiegelt. Auch hier sind gewisse Parallelen zu den in [2] beschriebenen Maßnahmen der US-Regierung für mehr Sicherheit in der Elektronikfertigung zu erkennen. Die jüngere Geschichte hat gezeigt, dass Russland aber in einer grundsätzlich anderen Situation ist als beispielsweise Deutschland und die USA und folglich auch anders an die Gesetz- bzw. Strategiegebung herangeht.

Daten zum Zustand der russischen Elektronikindustrie

Im Abschnitt II der Strategie wird die russische Elektronikindustrie in ihrer Breite definiert und ihr gegenwärtiger Zustand skizziert [5]. Demnach ist die Elektronikindustrie ein Wirtschaftszweig, der mit der Entwicklung und Produktion von elektronischen Geräten, Modulen, Komponenten und eingebetteter Software verbunden ist. Hinzukommen die Entwickler und Hersteller von Materialien, technologischen Ausrüstungen und Softwaretools für den Entstehungsprozess von Elektronik. Diese Definition kennzeichnet die Breite der beschlossenen Strategie und der Realisierungsmaßnahmen.

Die Elektronikindustrie umfasst etwa 1600 bis 1700 Organisationen, vertreten durch Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen mit eigener und ohne Produktion, Designbüros, Wissenschaftsorganisationen, Entwicklungsfonds, Branchenbildungsorganisationen und Berufsverbände (andere Quellen sprechen von ca. 3000 Organisationen).

Die Dynamik der Gesamtzahl der Beschäftigten in der Branche ist laut Strategie durch ein stabiles Wachstum gekennzeichnet. Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl im Jahr 2018 lag um 6,6 % über dem Wert von 2008. Der Anteil des wissenschaftlichen Personals wächst. Die Vergütung der Mitarbeiter von Organisationen der Branche stieg von 2008 bis 2018 um das 2,9-fache.

Tabelle 2 beschreibt grob die dreigliedrige Struktur der Elektronikindustrie Russlands sowie deren Anteil am Branchenumsatz.

Tab. 2: Struktur der russischen Elektronikindustrie im Jahr 2019

Organisationsart

Organisationsanzahl

Anteil am Branchen- umsatz (%)

Anmerkungen

Organisationen mit staatlicher Beteiligung

422

55

Davon 370 im Register des militärisch-industriellen Komplexes

Organisationen mit privatem russischem Kapital

1200

23

Vorwiegend KMU. Andere Quellen: ca. 2000 Organisationen

Organisationen mit ausländischem Kapital

30

22

 

Die Organisationen mit staatlicher Beteiligung bestehen vorwiegend aus Großunternehmen (teils Nachfolger der sowjetischen Großbetriebe), während die Organisationen mit privatem russischem Kapital meist nach 1992 gegründete KMU sind.

In der Mikroelektronik sind 10 Organisationen tätig, die die Massenproduktion von Mikroelektronik betreiben (Abb. 5). Hinzu kommen etwa 65 Designzentren für den Entwurf der Schaltkreise. Daneben gibt es ca. 90 Hersteller passiver Bauteile.Abb. 5: Mikron ist eines der wichtigsten russischen Mikroelektronik-Unternehmen mit einem großen Produktportfolio Abb. 5: Mikron ist eines der wichtigsten russischen Mikroelektronik-Unternehmen mit einem großen Produktportfolio

In Teil 2 dieses Beitrags (PLUS 7/2021) werden auf Basis vorliegender Informationen aus 2018 Rückschlüsse auf die ökonomische Situatiuon der russischen Elektronikindustrie gezogen. Außerdem geht es um technologische Problemzonen und darauf abzielende Lösungsansätze.

Referenzen:

[1] www.elektronikforschung.de/dateien/bekanntmachungen/impulspapier_vertrauenswuerdige_elektronik.pdf

[2] Plus 4/2021, S. 474-488

[3] www.heise.de/news/IPCEI-Mikroelektronik-EU-Halbleiterfertigung-fuer-mehr-als-100-Milliarden-Euro-4983443.html

[4] www.kp.ru/daily/26994/4054881/

[5] www.garant.ru/products/ipo/prime/doc/73340483/ (in Russisch)

[6] www.tadviser.ru, Rubrik Mikroelektronik, russischer Markt

[7] https://emails.ipc.org/links/IPC-Manufacturing-Ecosystem-Decision.pdf

[8] www.vashdom.ru/gost/53429-2009/#i57843

[9] https://safe-surf.ru/specialists/article/5250/634846/

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 6
  • Jahr: 2021
  • Autoren: Dr. Hartmut Poschmann, Tech.Trends, Berlin

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