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Montag, 21 November 2022 10:59

Auf den Punkt gebracht: Hat die deutsche Autoindustrie den Tipping Point erreicht?

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Geschätzte Lesezeit: 4 - 8 Minuten
Auf den Punkt gebracht: Hat die deutsche Autoindustrie den Tipping Point erreicht? Aufwind-Luftbilder - stock.adobe.com

Verlust von Marktanteilen in China und Deutschlandstart chinesischer Pkw. Der Automobilhimmel für die deutsche Fahrzeugindustrie verdunkelt sich zusehends. Die Chipkrise scheint teilweise überwunden zu sein, die Produktionszahlen in Deutschland steigen seit 5 Monaten, aber sie sind immer noch 30 % unter dem Vor-Corona-Niveau 2019 (Abb. 4). Die Lieferzeiten fallen, stoßen aber auf eine deutliche Kaufzurückhaltung bei den Menschen, die ihr Geld gezwungenermaßen für steigende Energie- und Lebenshaltungskosten ausgeben. Gleichzeitig sinken zum Jahresende die Prämien für E-Fahrzeuge, für Hybrid-Pkw entfallen sie komplett. Gestiegene Strompreise an den Ladestationen lassen dazu den früheren Verbrauchskosten-Vorteil gegenüber Diesel- und Benzinmotoren dahinschmelzen. On Top sind die effektiven Verkaufspreise in diesem Jahr bis zu 12 % gestiegen. Keine gute Ausganglage für Hersteller, OEMS und Zulieferer.

Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile in China

Der margenstarke Umsatzanteil des Volkswagen-Konzerns in China betrug 2021 noch 37 % (40 % in 2020), BMW folgte mit 34 % und Mercedes Benz mit 31 %. Dabei wuchs der weltgrößte Automobilmarkt China in den ersten 9 Monaten d. J. auf 16,8 Mio. Einheiten, dies sind stolze +15 %.

Umso betrüblicher ist es, wenn der Volkswagen-Konzern im 1. Halbjahr 2022 nur noch 1,469 Mio. Fahrzeuge verkauft hat, ein Minus von 20 % (Abb. 2). Auch BMW und Mercedes verloren Umsatz, jeder -19 %. BYD (Build your dreams) konnte dagegen seinen Absatz um 186 % steigern und auch Tesla als ausländischer Hersteller schaffte +51 %. BYD und Tesla stellen 100 % batterieelektrische Fahrzeuge her.

E-Auto Boom in China – VW schwächelt

Abb. 1: Bei der Deutschland-Premiere im Oktober präsentierte NIO Gründer und CEO William Li die Limousine ET7 dem Fachpublikum. Sie kann ab sofort bestellt werdenAbb. 1: Bei der Deutschland-Premiere im Oktober präsentierte NIO Gründer und CEO William Li die Limousine ET7 dem Fachpublikum. Sie kann ab sofort bestellt werdenBis einschließlich Juli 2022 wurden 3,2 Mio. E-Autos in China zugelassen. Der PCA (China Passenger Car Assoziation) rechnet mit einem Absatz von 5,5 bis 6 Mio. E-Autos einschließlich Hybridfahrzeugen. Dies entspricht einer Verdopplung gegenüber 2021.

Im besonders verkaufsstarken September diesen Jahres schaffte Volkswagen nur 16 000 E-Autos, Tesla immerhin 83 000 Einheiten, während der innerchinesische Wettbewerber BYD rund 200 000 E-Autos (NEV-New Electric Vehicle) absetzen konnte.

Bei der ID-Reihe von Volkswagen vermissen die chinesischen Autokäufer zu wenig digitale Features und sehen auch beim autonomen Fahren Schwächen. Für die Aufholjagd investiert Volkswagen deshalb 2,4 Mrd. €, davon 1, 3 Mrd. € in das Joint Venture mit der chinesischen Horizon Robotics. Hier sollen mit den chinesischen Partnern neue Software entwickelt und die Digitalisierung vorangetrieben werden, da z. B. die Wettbewerber BYD, NIO und Great Wall bereits deutlich fortgeschrittener sind.

Das Ziel von VW ist dabei hier länderspezifische Softwarelösungen zu entwickeln.

Die neuen Wettbewerber aus China in Europa

BYD, MG, NIO, Aiways, Lynk & Co. und Chery werden zusehends aktiv auf dem deutschen und europäischen Automobilmarkt mit Schwerpunkt Elektromobilität.

Beispielhaft soll hier NIO vorgestellt werden, die am 7. Oktober in Berlin ihren Europastart hatten.

Abb. 2: Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile in China. Autoabsatz in tausend Stück und Prozent, Veränderung vs. Vj. PeriodeAbb. 2: Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile in China. Autoabsatz in tausend Stück und Prozent, Veränderung vs. Vj. Periode

Der ET7 (Abb. 1) ist 5,10 m lang ist und besticht mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,23, was eine hohe Effizienz verspricht. Der Antrieb besteht aus einem 180 kW / 245 PS starken E-Motor an der Vorderachse und einem 300 kW / 408 PS starken Gegenstück hinten. Der Allradantrieb mit 480 kW / 653 PS und 850 Newtonmeter Systemleistung erlaubt einen Sprint auf 100 km/h in 3,9 Sekunden. Als Batterie stehen 75 KWh und 100 KWh zu Verfügung, später soll das bereits in China im Einsatz befindliche 150 KWh Batteriesystem für 1000 km Reichweite dazu kommen.

Abb. 3: Die Blade-Batterie von BYD auf Basis Lithium-Eisenphosphat Abb. 3: Die Blade-Batterie von BYD auf Basis Lithium-Eisenphosphat Pfiffig ist das minutenschnelle Batteriewechselsystem. Eine erste automatische Anlage steht in Berlin, weitere 15 sind im Aufbau. Der Vorteil besteht neben der Schnelligkeit in der Größenordnung eines konventionellen Benzintankvorganges auch darin, unterschiedliche Batteriegrößen zu tauschen, wenn man eine Langstrecke vor sich hat.

Bemerkenswert sind die vollumfänglichen Assistenzsysteme einschließlich LiDAR. LiDAR steht für Light Detection and Ranging und ist eine Methode zur Umfeld-Erfassung. Dabei wird Licht in Form eines gepulsten Lasers eingesetzt, um Objekte zu erkennen und zu kategorisieren. Die Lieferzeit für individuell konfigurierte ET7 beträgt ca. vier Monate.

Blade Batterien in BYD E-Autos

BYD ist seit mehr als 27 Jahren in der Batterieindustrie tätig und erreichte im 1. Halbjahr 2022 einen Marktanteil bei E-Auto Batterien von 11,8 %. Die neue Blade Battery von BYD hat eine Reihe extremer Tests bestanden, die sie heute zu einer der sichersten Batterien der Welt macht (Abb. 3) Es handelt sich bei der Blade-Technologie um einen Lithium-Eisenphosphat-Akkumulator, der ohne Cobalt auskommt. Vorteile von Lithium-Eisenphosphat-Akkumulatoren sind, dass sie bei hohen Starttemperaturen optimal funktionieren und dass sie eine langsame Wärmeableitung und geringe Wärmeentwicklung aufweisen. Zudem erhöht sich die Raumausnutzung des Akkupacks um über 50 % im Vergleich zu herkömmlichen lON-Akkus. Die flache Rechteckform verbessert die Kühleffizienz und die Vorwärmleistung.

Weltweiter Automobilmarkt Q1 bis Q3 2022

Die Neuzulassungen auf dem europäischen Pkw-Markt (EU27, EFTA & UK) erreichten in den ersten neun Monaten dieses Jahres ein Niveau von knapp 8,3 Mio. Fahrzeugen und gingen damit gegenüber dem Vorjahr um 10 % zurück. Das Vor-Corona-Niveau von 2019 unterschreitet der europäische Automobilmarkt gar um 32 %. Im Monat September sind die fünf großen Einzelmärkte jedoch allesamt gewachsen (Abb. 4): Deutschland (+14 %) und Spanien (+13 %) erreichten ein zweistelliges Plus. Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich legten jeweils um 5 % zu. Insgesamt legten im September die Neuzulassungen auf dem europäischen Markt um 8 % auf gut 1,0 Mio. Pkw zu.

Abb. 4: Pkw-Produktion  deutscher Hersteller in Deutschland – Produktion – TrendAbb. 4: Pkw-Produktion deutscher Hersteller in Deutschland – Produktion – Trend

Der chinesische Pkw-Markt liegt mit gut 16,8 Mio. neuzugelassenen Pkw im bisherigen Jahresverlauf 15 % über dem Vorjahresniveau. Er ist neben Indien der einzige große internationalen Automobilmarkt, der deutlich über dem Vor-Corona-Niveau des Jahres 2019 liegt. Im September setzte sich die Wachstumsrallye der Vormonate fort: Ein Volumen von 2,3 Mio. Neufahrzeugen bedeutet ein Zuwachs von 33 % gegenüber dem Vorjahresmonat. Seit Jahresmitte wird der Absatz von Pkw unter anderem durch eine Steuersenkung vergünstigt.

Auf dem US-Light-Vehicle-Markt (Pkw und Light Trucks) wurden im bisherigen Jahresverlauf 10,1 Mio. Light Vehicle verkauft, 13 % weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Dabei stieg der Anteil des Light-Truck-Segments auch im bisherigen Jahresverlauf an und lag zuletzt bei 79 %. Die übrigen 21 % entfallen auf Pkw. Im Monat September stieg der Light-Vehicle-Absatz auf 1,1 Mio. (+9 %).

In Japan wurden seit Jahresbeginn insgesamt 2,6 Mio. neuwertige Pkw abgesetzt, ein Minus von 11 % gegenüber den ersten neun Monaten des Vorjahres. Mit 324.900 Einheiten lagen die Verkäufe im September um gut 26 % über dem niedrigen Niveau des Vorjahresmonats.

Der russische Pkw-Markt hat im Jahresverlauf erhebliche Rückgänge verzeichnen müssen. Dabei wirken sich die Konsequenzen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine massiv aus: Mit 506.700 Fahrzeugen wurden im laufenden Jahr 60 % weniger Pkw verkauft als im selben Zeitraum des Vorjahres.

Auf dem indischen Pkw-Markt wurde im bisherigen Jahresverlauf ein Marktvolumen von knapp 2,9 Mio. Pkw erreicht. Das bedeutet ein Plus von 23 %. Im Monat September lag der Absatz von Neufahrzeugen mit 307.400 Pkw um 92 % über dem Vorjahresniveau.

Auf den Punkt gebracht

  1. Wegfallende Prämien für E-Fahrzeuge, gestiegene Strompreise an den Ladestationen lassen den früheren Verbrauchskosten-Vorteil gegenüber Diesel- und Benzinmotoren dahinschmelzen, bis zu 12 % gestiegene effektive Verkaufspreise sowie die Kaufzurückhaltung der Verbraucher schaffen neuen Angebots-Druck.
  2. Deutsche Hersteller verlieren Marktanteile in China, u. a. wegen nicht mehr marktgerechter Software und Digitalisierungsfeatures. Im 1. Halbjahr 2022 in Stück: Volkswagen -20 %, BMW und Mercedes -19 %, dagegen Tesla +51 % und BYD +186 %.
  3. Die neuen Wettbewerber aus China in Europa BYD, MG, NIO, Aiways, Lynk & Co. und Chery werden zusehends aktiv auf dem deutschen und europäischen Automobilmarkt mit Schwerpunkt Elektromobilität.
  4. Der europäische Pkw-Markt (EU27, EFTA & UK) mit 8,3 Mio. Fahrzeugen von Q1 bis Q3 verlor -10 %. Der chinesische Pkw-Markt liegt mit gut 16,8 Mio. neuzugelassenen Pkw im bisherigen Jahresverlauf 15 % über dem Vorjahresniveau. Auf dem US-Light-Vehicle-Markt (Pkw und Light Trucks) wurden im bisherigen Jahresverlauf 10,1 Mio. Light Vehicle verkauft, 13 % weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Japan mit 2,6 Mio. Pkw verliert -11 %, während Indien mit 2,9 Mio. Pkw +23 % erreicht.

Die deutsche Automobilhersteller mit ihren großen und kleinen Zulieferern geraten in die Zwickmühle. Nachdem im New Energy Vehicle Markt (NEV) Batterietechnologie, Software und Digitalisierung bzw. autonomes Fahren die ‚Game Changer' sind und nicht mehr die Kernkompetenz Verbrennungsmotoren in Spitzentechnologie, fallen europäische Hersteller im weltgrößten Automarkt China zurück. Gleichzeitig beginnen chinesische Hersteller mit interessantem Preis/Leistungsverhältnis den deutschen bzw. europäischen Markt aufzurollen, eine Zangenbewegung. Soweit der Markt.

On Top kommt nun erschwerend eine ideologiegetriebene Politik hinzu. In Deutschland mit sich zeitlich überbietenden fixen Zulassungs-Stopps für Verbrennungsmotoren; in China mit dem uneingeschränkt staatlich geförderten Ziel, weltweiter Technologieführer für die Elektromobilität und autonomes Fahren zu werden.

Wir haben damit alle Chancen, unser einziges Industriesegment von Weltgeltung – einschließlich vieler automobilnaher Mittelständler – innerhalb von Rekordzeit zu zerstören.

„Wir schaffen das!“

Es lohnt sich gegen die Unvernunft zu kämpfen, denn wir haben alle viel zu verlieren!

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Joachim Friedrichkeit

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  • Ausgabe: 11
  • Jahr: 2022
  • Autoren: Hans-Joachim Friedrichkeit

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