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Montag, 02 Januar 2023 10:28

Die Quadratur des Preises [1]

von
Geschätzte Lesezeit: 5 - 9 Minuten
Pipelines zwischen einem LNG-Terminal und einem Tanker Pipelines zwischen einem LNG-Terminal und einem Tanker Bild: Mike Mareen/AdobeStock

Wie agieren Unternehmen und Dienstleister der Leiterplattenindustrie in der anhaltenden Energiekrise, die sie in unterschiedlichem Maße betrifft? Die PLUS hat einige Stimmen und Meldungen aus der Branche gesammelt.

Norbert Schallhammer, ext. Umwelt- und Energiemanagementbeauftragter der TQ-Group (Bild: TQ Group)Norbert Schallhammer, ext. Umwelt- und Energiemanagementbeauftragter der TQ-Group (Bild: TQ Group)Die Hiobsbotschaften in der Industrie reißen nicht ab. Die extreme Preissteigerung bei Strom und Gas setzt Betriebe stark unter Druck – und die Endverbraucher, gebeutelt von der höchsten Inflationsrate seit 1951, reagieren mit Kaufzurückhaltung. Die Prognosen für 2023 fallen entsprechend mau aus. Denn wesentliche Ursachen – der Krieg in der Ukraine und die Energieknappheit im Zuge der Wirtschaftssanktionen gegen Russland – werden in absehbarer Zeit nicht verschwinden.

Oder ist das Schlimmste bereits ausgestanden? Hatte die Inflationsrate im Euroraum im Oktober noch bei 10,6 % gestanden, verzeichnete das europäische Statistik Eurostat für den November einen leichten Rückgang auf 10,0 %.

Die Energiepreise sind zwar nach wie vor deutlich höher als vor Jahresfrist, gegenüber dem Oktober aber gab es im November einen Rückgang. Nun sorgt allerdings der wetterbedingte höhere Gasverbrauch für den erwarteten Preisanstieg am europäischen Spotmarkt [2].

Die hohen Energiekosten führen laut einer Schätzung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München (ifo Institut) zu Realeinkommensverlusten von etwa 64 Mrd. €,, also umgerechnet 1,8 % der Wirtschaftsleistung [3]. Industriezweige wie die deutsche Chemie- und Pharmabranche reagieren mit Preiserhöhungen und drosseln ihre Produktion [4], der Chemiekonzern BASF schließt an seinem Stammwerk Ludwigshafen sogar den Stellenabbau nicht mehr aus [5].

Laut einer Umfrage des DIHK (Deutschen Industrie- und Handelskammertags) empfinden zwar deutsche Unternehmen ihre Geschäftslage trotz pessimistischer Prognosen noch als gut. Doch Investitionsabsichten richteten sich aufgrund der Energiekosten nicht auf den Euroraum: Knapp 39 % der befragten Unternehmen gaben an, in den kommenden Monaten höhere Investitionen in den USA tätigen zu wollen [6]. So erwägt auch der österreichische Technologiekonzern AT&S laut seines CEOs Andreas Gerstenmayer derzeit, „im Rahmen des US-Chips-Act in America“ zu investieren [7]. Grund seien hierbei weniger die Energiekosten als die viel zu geringen Subventionen im Rahmen des von der EU-Kommission vorgeschlagene Chips Act [8].

Bild: Statistisches BundesamtBild: Statistisches Bundesamt

Die Energiekrise und die unklaren Prognosen über die weitere Entwicklung scheinen also verschärfend zu wirken. Wie geht die hiesige Leiterplattenindustrie, wie gehen EMS-Dienstleister mit dieser Realität um? Zwar ist eine umfassende Übersicht über die gesamte Branche kaum möglich. Es lassen sich jedoch einzelne Marktteilnehmer in die Karten gucken. Denn die Energiekrise betrifft letzten Endes alle.

Lauffer Pressen (Laminiertechnologie für starre und flexible Leiterplatten)

Der Standby-Verbrauch vieler Geräte wird von Spezialisten genau gemessen (Bild: Kraus Hardware)Der Standby-Verbrauch vieler Geräte wird von Spezialisten genau gemessen (Bild: Kraus Hardware)„Grundsätzlich sind im Maschinen- und Anlagenbau neben den Personalkosten die Materialkosten mit 40 bis 45 % die Hauptkostentreiber. Wenn wir bei Lauffer die letzten zwölf bis vierzehn Monate betrachten, so sind die Stahlpreise im Durchschnitt um 30 %, der Guss um 25 % und die elektronischen Bauteile um 10 % gestiegen. Durch die steigenden Fracht-, Energie- Allokationskosten sehen wir hier keine Entspannung. Im Gegenteil – wir erwarten weitere Kostensteigerungen von durchschnittlich 10 % in 2023.

Bei der Betrachtung der Energiekosten unterscheiden wir zwischen den Strom- und den Gaskosten. In den vergangenen zwölf Monaten ist unser mittlerer Strompreis um 21 % gestiegen, für 2023 erwarten wir eine Verdoppelung der Stromkosten.

Durch unsere vertragliche Gaspreisbindung bis Ende 2023 hatten wir bis heute bei Gas keine Kostensteigerung. Wird uns der Vertrag gekündigt, erwartet uns ein um das Siebenfache höherer Gaspreis in 2023.

Lauffer heizt seine Bürobereiche und das Warmwasser mittels einer Gaszentralheizung und unsere Produktionshallen mittels Gasstrahler. Im Bereich der Spritzkabinen setzen wir Gas zum Heizen und zum Trocknen des Farbauftrags ein.

Würde es im Winter zu einem Stopp der Gaslieferung kommen, könnten wir bei Temperaturen unterhalb von 15° C nur sehr eingeschränkt produzieren. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns derzeit mit der Alternative Flüssiggas, um eine zweite Energiequelle zu haben.“-mh-

KSG Gornsdorf (Leiterplattenproduzent)

Die Firma KSG in Gornsdorf zog früh Schlüsse aus den rasant steigenden Energiekosten und beschloss im Sommer, das Verwaltungsgebäude zu räumen. Laut der Geschäftsführerin Margret Gleininger gingen die tätigen Angestellten vorerst komplett ins Homeoffice, sie selbst verlegte ihren Arbeitsplatz in die Fertigung [9].

TQ Group (EMS-Systemlieferant)

Der Umwelt- und Energiemanagementbeauftrage der TQ-Group Norbert Schallhammer (ext.) beantwortete Fragen der PLUS zum Umgang mit der Energiekrise.

Wo entstehen in Ihrem Bereich die größten Energiekosten (Strom & Heizenergie)?

Unsere Kerntätigkeit ist die Elektronikfertigung, weswegen Strom für die TQ-Group der Haupttreiber der Energiekosten ist. Aufgrund der jüngsten Entwicklungen am Gasmarkt werden jedoch bald auch die Kosten für Heizenergie signifikant steigen.

Inwiefern betrifft Sie die Kostensteigerung beim Gas?

Zu einem geringen Teil benötigen wir Gas in der Fertigung, und zwar für Lackierarbeiten. Darüber hinaus verwenden wir es als Heizenergie sowie für unser Blockheizkraftwerk zur Erzeugung von Strom und Wärmeenergie. Das Blockheizkraftwerk ist Teil unseres Vorhabens, bis 2025 klimaneutral zu werden. Vor knapp vier Jahren haben wir uns dieses Ziel gesetzt und befinden uns aktuell auf der Zielgeraden, dies zu erreichen. Zu den ergriffenen Maßnahmen zählen auch Photovoltaikanlagen und die Umstellung der Firmenwagenflotte auf E-Autos. Insgesamt konnten wir unseren bilanzierten CO2-Ausstoß bis Ende 2020 um 86 % senken.

Welche Strategie verfolgen Sie, um der Kostensteigerung zu begegnen? (Einsparungsmodelle, Fertigungsumstellung)

Wir haben über alle Standorte hinweg einen unternehmensweiten, umfangreichen Aktionsplan zur Energieeinsparung erarbeitet und setzen diesen auch bereits um. Darin verankert sind z. B. der Einsatz von effizienten Beleuchtungslösungen, die Realisierung energieeffizienterer Produktionsprozesse aber auch die Förderung eigener Produkte für effizientes Energiemanagement. Zudem haben wir bzgl. der Energiebeschaffung auf Spotmarktmodelle umgestellt, um die überbordenden Energiekosten zu reduzieren.

Wie würde Ihre Firma damit umgehen, wenn z. B. Gas (weiter) kontingentiert werden müsste?

Im Rahmen unseres Aktionsplans hatten wir bereits Flächen definiert, die wir aktuell schon nicht mehr beheizen bzw. nur so weit temperieren, dass keine baulichen Schäden drohen. Sollten weitere Einschränkungen nötig werden, können wir dieses Vorgehen ausbauen und unsere aktiv genutzten Flächen weiter reduzieren.

Wie sollte die Industrie langfristig mit steigenden Energiekosten umgehen?

Zunächst ist es wichtig, dass die Betriebe mögliche Energieeinsparpotenziale für alle Sektoren systematisch ermitteln, bewerten und realisieren. Im Anschluss daran gilt es, die so optimierten Strukturen so effizient wie möglich zu betreiben. Nicht zuletzt ist auch eine langfristige Beschaffungsstrategie für die benötigte Energie erforderlich, die idealerweise auf einem ausgewogenen Mix aus verschiedenen Energieträgern beruht und damit einseitige Abhängigkeiten zukünftig minimiert. Abschließend sehen wir auch die Politik in der Pflicht, die Unternehmen in dieser Situation bestmöglich zu unterstützen.-mh-

KRAUS Hardware (EMS Dienstleister)

Das neue Energieteam bespricht regelmäßig mögliche Einsparpotentiale (Bild: Kraus Hardware)Das neue Energieteam bespricht regelmäßig mögliche Einsparpotentiale (Bild: Kraus Hardware)Die Energiepreise erreichen schwindelerregende Höhen und belasten den Ertrag auch kleiner und mittlerer EMS-Unternehmen. Insofern lautet die Forderung der Stunde: Energie sparen! Das Beispiel von Kraus Hardware in Großostheim zeigt, mit welchen ‚Stellschrauben‘ dies im Detail gelingen kann.

Der Betrieb mit rund 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat im letzten Jahr insgesamt 105 000 kWh Strom verbraucht. Dazu kommen 15 000 kWh Strom für die Wärmepumpe – ein Gasverbrauch zum Heizen fällt nicht an. Wenn die Leistung der Wärmepumpe im Winter nicht ausreicht, steht im Keller des Unternehmens noch ein alter Ölbrenner als ‚stille Reserve‘ zur Verfügung. „Allerdings verbrennen wir hier noch immer das Heizöl, das wir zusammen mit dem Kauf des Gebäudes vor 15 Jahren erworben haben. Das Gerät kommt also sehr selten zum Einsatz“, erklärt Gesellschafter Andreas Kraus.

Mit anderen Worten: Das Unternehmen arbeitet fast ohne fossile Primärenergieträger. Allerdings steht der Stromverbrauch zunehmend im Fokus der Verantwortlichen. Einer der Hebel ist dabei die Nutzung von ‚Schaltstrom‘ statt ‚Dauerstrom‘: An allen Arbeitsplätzen gibt es die Möglichkeit, auf individuelle Bereiche der Haustechnik per Computer zuzugreifen. Auf diese Weise lässt sich die Stromzufuhr für den eigenen Schreibtisch oder anderen Bereiche des eigenen Arbeitsplatzes kappen und so die unnötige Standby-Leistung vieler Geräte in der Nacht vermeiden. Die Einstellungen für übergreifende Technologie wie etwa dem Warmwasserboiler übernimmt der Administrator. „Ein Arbeitsplatz wird bei uns in der Regel nur maximal zehn Stunden lang an fünf Tagen der Woche benötigt“, so Andreas Kraus. „Hier käme also eine ganze Menge ungenutzte Standby-Leistung zusammen.“ Interessanterweise wissen die Spezialisten dabei ganz genau, um wieviel Strom es jeweils geht, weil die Messprotokolle der DGUV-Prüfung Auskunft über den Ruhestrom geben. Als wahres ‚Energiemonster‘ erwies sich etwa ein großer Präsentationsmonitor mit einem Jahresverbrauch im Standby von rund 230 KW. Dazu kommen viele kleinere Dauer-Verbraucher wie beispielsweise die Ladeschalen von DECT-Telefonen oder die PCs.

Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Geräten, die nicht immer per Schaltstrom abgeschaltet werden dürfen. Hierzu gehören etwa jene Arbeitsplatzrechner, an denen eine Datensicherung nach Arbeitsende durchgeführt wird. Außerdem müssen diverse Mobiltelefone nach Arbeitsende geladen werden. Aus diesem Grund ist die (ebenso mögliche) manuelle Anschaltung des Stroms leicht eingeschränkt: Wer dies versucht, bekommt eine Abfrage, ob das Herunterfahren des Rechners mit einer Verzögerung von einer Stunde erfolgen soll. In dieser Zeit wird die Datensicherung ausgeführt.

Ein Sonderfall stellt bei Kraus Hardware wie bei vielen Unternehmen das Thema ‚Druckluft‘ dar: Sie ist einerseits oft unverzichtbar und benötigt andererseits eine große Energiemenge, weshalb die Druckluftversorgung im Gebäude nach Arbeitsende abgeschaltet wird – mit einer Ausnahme: Das automatische Rollenlager (MLT) wird permanent per getrockneter Druckluft geflutet, um so die Bauteile vor Feuchtigkeit zu schützen. In einem ersten Versuch haben die Spezialisten deshalb den Ein- und Auslaufschacht ein Wochenende lang abgeklebt, den Stromverbrauch gemessen und mit einer vorherigen Messung (ohne Abklebung) verglichen. Ergebnis: Er ging von 3 auf 1,5 kWh zurück, was einer Jahreseinsparung von mindestens 8500 kWh entspricht. Folglich entsteht gerade eine neue Abdeckung für den Ein- und Auslauf des MLT.

Insgesamt sieht Kraus Hardware Energieeinsparung als laufenden Prozess – die Optimierungen gehen also immer weiter. Dafür steht auch das neu eingerichtete Energieteam, das weitere Vorschläge erarbeitet. „Wir wollen die Einsparungen möglichst einvernehmlich umsetzen und alle miteinbeziehen“, so Andreas Kraus. „Letztlich kommt es bei der Umsetzung auf viele kleine Maßnahmen an, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alleinverantwortlich umgesetzt werden. Beispielsweise achten wir schon lange darauf, dass Maschinen mit energieintensiven Prozessen erst dann eingeschaltet werden, wenn man diese auch mehrere Stunden benötigt. Ich bin optimistisch, dass wir in den nächsten Wochen unseren Energieverbrauch um rund 10 bis 15 % absenken können.“-G. Wagner-

https://lauffer.de, www.ksg-pcb.com
www.tq-group.com, www.kraus-hw.de

Referenzen

[1] Zitat des deutschen Publizisten Peter E. Schuhmacher (†2013)
[2] www.agrarheute.com/markt/diesel/gaspreise-steigen-wintereinbruch-gaskunden-verunsichert-600804
[3] www.ifo.de/DocDL/sd-2022-11-nierhaus-wollmershaeuser-realeinkommensverluste-energiekrise.pdf
[4] www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/basf-covestro-und-co-der-chemiebranche-stehen-weitere-dunkle-monate-bevor-a-101eb909-f9ab-4064-8345-6c6486b12906
[5] Süddeutsche Zeitung, 12. Oktober 2022
[6] www.dihk.de/resource/blob/86140/438313daa0f0f376066ab40210f3c73c/ahk-world-business-outlook-herbst-2022-data.pdf: S. 4f
[7] www.handelsblatt.com/technik/it-internet/chipindustrie-europaeische-technologie-branche-schlaegt-alarm/28823906.html
[8] Unser Gespräch mit Andreas Gerstenmayer auf der electronica, S. 1613
[9] Katja Lippmann-Wagner: ‚Stromsparkurs: Gornsdorfer Firma zieh Veraltungsgebäude leer‘, Freie Presse, 25.08.2022

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 12
  • Jahr: 2022
  • Autoren: Markolf Hoffmann

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