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Mittwoch, 29 Mai 2024 11:59

Die Chipkrise ist zu Ende, der Markt ist in Panik

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Geschätzte Lesezeit: 4 - 7 Minuten
SMD-Bestückung bei dem EMS-Dienstleister Körner Electronic in Verden SMD-Bestückung bei dem EMS-Dienstleister Körner Electronic in Verden Bild: Körner Electronic

Die gemeinsam von IPC und in4ma durchgeführte Jahresumfrage der Europäischen EMS-Industrie ist abgeschlossen. Die hohe Beteiligung (in Deutschland über 62 % und Österreich knapp 80 % der Produktionsvolumina), erlaubt die Extrapolation der Ergebnisse auf den Gesamtmarkt.

In Deutschland legte die Branche ca.13,5 % im Umsatz von 9,4 Mrd. € auf 10,6 Mrd. € zu. Die Beschäftigung stieg von ca. 43.400 Mitarbeitern auf 48.300 Mitarbeitern und wuchs damit beachtliche 11,5 %. Der Auftragsbestand sank deutlich um ca. 35 % und hat wieder ein normales Niveau erreicht, welches zu vernünftigen Lieferzeiten führt. Die Book-to-Bill-Rate fiel dementsprechend deutlich auf 0,82.

Die Bestände an Roh- Hilfs- und Betriebsstoffen sind nach wie vor überhöht und signalisieren Handlungsbedarf. Bei den Marktsegmenten legte insbesondere die Automobil-Industrie, der Sektor Mobilität, Industrie und Energie zu, während die Telekommunikation deutlich schwächelte.

In Österreich stieg der Umsatz der EMS-Industrie von 1,45 Mrd. € auf 1,61 Mrd. €, ein Plus von 10,5 %. Die Anzahl der Mitarbeiter legte von 4.965 auf knapp 5.300 zu, also um 6,6 %. Der Auftragsbestand sank deutlich um über 41 % und kam auf normale Reichweiten des Auftragsbestands zurück. Die Book-to-Bill-Rate sank auf 0,88.

Bei den Marktsegmenten zeigten insbesondere die Industrieelektronik und die Automobilindustrie ein robustes zweistelliges Wachstum. Auch die Medizintechnik, die in Österreich insbesondere von einem sehr großen EMS-Unternehmen dominiert wird, legte um 7,8 % zu.

Wie immer sind die Ergebnisse der Jahresumfrage in Abhängigkeit von der Unternehmensgröße stark unterschiedlich. In Deutschland wurden die Ergebnisse der 112 Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, in sechs verschiedene Umsatzgruppen unterteilt, so dass die Umfrageergebnisse der kleineren Unternehmen nicht von den Meldezahlen der großen überdeckt werden. Zudem wurden einzelne Parameter als Histogramm dargestellt, damit jeder Marktteilnehmer selbst einschätzen kann, wo er im Markt 2023 stand. In Österreich wurden die Meldezahlen der 15 Meldefirmen in zwei Umsatzgruppen unterteilt.

Ist die Welt wieder in Ordnung?

Nun sollte man meinen, dass bei diesen guten Zahlen die Welt wieder in Ordnung sei – auch weil die Europazahlen vergleichbar sind. Die EMS-Industrie in Europa wuchs 2022 um 13.9 % und 2023 um ~10.9 % im Umsatz. Entsprechend den in4ma Halbjahresumfragen 2022/23 war dabei 1/3 durch Preiserhöhungen und 2/3 durch Mengenwachstum bedingt. Das bedeutet für 2022 9.3 % Mengenwachstum, ein Wert, den die EMS-Industrie die letzten zehn Jahre nicht erreicht hatte. Gleichzeitig erinnern wir uns alle, dass doch die Chipkrise herrschte. Automatisch fragt man sich, woher denn die Halbleiter herkamen, um dieses Wachstum zu ermöglichen?

Die Halbleiter-Industrie hat bereits 2021 ihren Mengen-Ausstoß um 21.6 % erhöht (Quelle: IC Insights). 2023 kam hinzu, dass sich plötzlich viele Firmen wunderten, dass die von Ihnen dringend benötigten Halbleiter, die nun endlich geliefert wurden, relativ alte Datumscodierungen hatten.

Robustes Wachstum ist auch bei der Medizintechnik zu verzeichnenRobustes Wachstum ist auch bei der Medizintechnik zu verzeichnen

Das ganze Gerede über die Chipkrise hat 2021 und 2022 zu künstlich aufgeblasenen Panikbestellungen der OEM-Einkäufer geführt, die sicherstellen wollten, dass ihr Unternehmen eine ausreichende Versorgung hat. Die EMS-Industrie lieferte, und das in Mengen, die in den Vorjahren nie erreicht wurden. Gleichzeitig freute man sich über die hohen Auftragsbestände von teils über zwei Jahren Reichweite.

Bei den OEMs füllten sich die Lager und ab 2023 realisierten die OEMs, dass es keine Versorgungsprobleme gab. Neue Bestellungen wurden nicht erteilt, bestehende Bestellungen hätte man am liebsten storniert, konnte in den Verhandlungen aber zumindest eine Lieferterminverschiebung erreichen, teils um über neun Monate nach 2024. Einige börsennotierte EMS mussten in Folge Umsatz- und Gewinnwarnungen veröffentlichen. Bei den kleineren EMS machte sich dies bereits im zweiten Halbjahr 2023 bemerkbar, Nervosität kam auf. Auch bei den globalen EMS sind die Auswirkungen mittlerweile sichtbar. Jabil veröffentlichte Anfang April die Ergebnisse des zweiten Geschäftsquartals (Dez. 23 bis Feb. 24) und berichtete 16.8 % geringere Umsätze als im Vergleichsquartal des Vorjahres.

Viel heiße Luft

Anfang 2024 schlug die Situation teilweise in Panik um. Die EMS-Dienstleister wunderten sich, wieso plötzlich keine Bestellungen mehr kamen, obwohl die Bestellreichweite zum Jahresende 2023 wieder ein normales Niveau von 180-220 Arbeitstagen erreicht hatte. Aber man war die letzten zwei Jahre andere Zahlen gewohnt. Wieso hatten die Kunden plötzlich keinen Bedarf mehr? Die Antwort ist ganz einfach. Die Aufträge, die unter normalen Umständen erst für 2024 von den OEM benötigt worden wären, wurden bereits 2023 von den EMS-Unternehmen produziert und liegen jetzt bei den OEMs auf Lager.

Entgegen den kruden Gerüchten, die da teilweise in der Industrie verbreitet wurden, war dieses Wachstum der letzten zwei Jahre eben nicht durch KI, 5G oder Digitalisierung verursacht, sondern durch viel heiße Luft. Nun sind bei extrem vielen Firmen die Lager voll, es gab in der Zeit der Chipkrise keinen erhöhten Bedarf des Endmarktes.

Das alles ist die klassische Entwicklung des Bull-Whip-Effektes, der 2022 und 2023 einen deutlich überhöhten Bedarf signalisierte und nun 2024 in das Tal der Tränen abstürzt. Dabei ist die absolute Talsohle noch nicht erreicht, sondern wird erst zur Jahresmitte erwartet. Bei vielen Firmen führt dies zu Kurzarbeit und teilweise auch zu Personalabbau. Allein in Deutschland prognostizieren die an der IPC/in4ma Jahresumfrage teilgenommenen 112 EMS-Firmen, die einen Umsatzanteil in Deutschland von ca. 61.2 % haben, einen Umsatzrückgang zwischen 6 und 10 % (Mittelwert minus 8,8 %) für 2024 und erst für 2025 wieder ein solides Wachstum. Dabei gestalten sich die Prognosen der kleineren Unternehmen teils deutlich schlechter.

Deutliche Unterschiede je nach Marktsegment

Nach Regen kommt Sonnenschein, und so wird hoffentlich zum Jahresende 2024 wieder ein normales Niveau erreicht sein. Die Tatsache, dass Vorgenanntes nicht für alle Firmen genauso zutrifft, ist auch einfach erklärt. Firmen mit hoher Abhängigkeit von wenigen A-Kunden sind eher betroffen. Zudem gibt es deutliche Unterschiede, je nachdem welche Marktsegmente bedient werden.

Leider gibt es jedoch einige Firmen, denen anscheinend das Wasser jetzt dermaßen bis zum Hals steht, dass sie aus lauter Panik Gerüchte verbreiten, zum Jahresende gäbe es wieder eine Chipkrise, und die sei diesmal noch extremer als die letzte. Die OEMs sollten jetzt bereits den Bedarf der nächsten 12 - 15 Monate bestellen um Versorgungssicherheit zu haben. Mit verursacht wird das Gerücht auch durch einen Distributor, der mit einem mafiösen Ansatz á la: „Kaufe jetzt, oder du wirst leiden“ behauptet, ab dem dritten Quartal 2024 würde Fernost einen exorbitanten Bauteilebedarf haben, wobei nur das zusätzliche Mengenwachstum größer sei als der gesamte Bedarf von Europa.

Lassen Sie sich nicht irritieren. Auch diesmal wird wieder das Argument verwendet, KI sei die Ursache für den extrem hohen Bedarf an Halbleitern. Lassen Sie sich von ihrem Lieferanten genau erklären, welche Teilnummern betroffen sind und welche neuen Lieferzeiten erwartet werden. Danach kontaktieren Sie einige Broker und fragen diese Teilnummern dort an. Wir haben dies in der letzten Krise ebenfalls getan. Da erhielten wir Angebote von Brokern, die Teilnummern, die bei Distributoren teilweise mit 40 Wochen Lieferzeit belegt waren, innerhalb von drei Arbeitstagen liefern können und das in durchaus akzeptablen Mengen von 1.000 bis 5.000 ICs. Die unverhandelten Preise unterschieden sich dabei fast kaum von den Preisen der Distributoren. Zudem ist es unbestritten, dass es einige Exoten bei den Halbleitern gibt, die immer schon Lieferzeiten von bis zu 80 Wochen haben, was sich jedoch nicht verallgemeinern lässt.

Die Berichte für Europa und die Studie zum EMS-Markt in Europa werden auf www.in4ma.de angeboten. Die EMS- und PCB-Branche trifft sich am 6. Juni 2024 in Ulm auf dem ‚EMS & PCB Forum'. Diese Veranstaltung, bei der sowohl ZVEI als auch IPC ideelle Kooperationspartner sind, ist den EMS-Dienstleistern und PCB-Herstellern, den Mitgliedsfirmen beider Verbände sowie den Kooperationspartnern von in4ma vorbehalten.

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