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Montag, 02 August 2021 11:59

Gier Hass Liebe

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Geschätzte Lesezeit: 3 - 6 Minuten
Künstlerin Ulrike Israel vor den galvanischen Becken im Untergeschoss des Hauses der Geschichte in Stuttgart. Links: Der Begleitprospekt zur Sonderausstellung „GierHassLiebe“ Künstlerin Ulrike Israel vor den galvanischen Becken im Untergeschoss des Hauses der Geschichte in Stuttgart. Links: Der Begleitprospekt zur Sonderausstellung „GierHassLiebe“

Eine Sonderausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte beschäftigt sich mit Emotionen, die uns bewegen. Teil der Unterausstellung „Gier“ ist eine einfache galvanische Installation.

gt 2021 07 0041An der Decke hängen goldene Bänder. Sie leiten den Besucher durch den Ausstellungsraum im Keller des Hauses der Geschichte an der Stuttgarter Kulturmeile – von Exponat zu Exponat. Wir befinden uns in der Teilausstellung „Gier“. Diese wiederum ist eingebettet in ein Gesamtwerk mit dem Titel „GierHassLiebe was uns bewegt“.

Dr. Caroline Gritschke ist im Haus der Geschichte zuständig für den Bereich Bildung und Vermittlung und verantwortet das Kunstprojekt „Emotion“. Sie erklärt: „Nicht die Ratio treibt die Menschheit an, sondern Emotionen. Stellvertretend für jene haben wir die drei hier genannten ausgesucht.“ Bevor das Konzept der Sonderausstellung erarbeitet wurde, hat das Museum Umfragen durchgeführt. Von den drei ins Auge gefassten Emotionen war die Gier dann tatsächlich die, die am negativsten besetzt war. Doch Dr. Gritschke warnt vor Vorurteilen: „Neben den schlechten Auswirkungen der Gier ist diese Emotion doch auch der Grund für den Antrieb nach Leistung. Gier treibt die Menschheit voran und bewegt sie dazu, Leistung zu erbringen. Oder nehmen Sie die Gier nach Wissen. Gäbe es diese nicht, würden der Menschheit viele Errungenschaften der Technik oder der Medizin heute fehlen.“

Beim Gang durch die Ausstellung werden weitere Brüche der Gier offenbar: Fritz Habers Kunstdünger löste viele Probleme der Landwirtschaft, andererseits war der Chemiker auch für den Einsatz von Chlorgas im Ersten Weltkrieg verantwortlich. Die mit unermesslicher Habsucht angesammelten Reichtümer der Kirche und der Klöster wurden diesen in der Säkularisation mit ebenso maßloser Habsucht auch wieder weggenommen.

Ist Sammelleidenschaft schon Gier? Blick auf die Kollektion hochwertiger Laufschuhe aus einer privaten Sammlung. Die goldenen Bänder führen durch die Teil-Ausstellung, im Raum „Hass“ werden sie durch blaue Seile abgelöstIst Sammelleidenschaft schon Gier? Blick auf die Kollektion hochwertiger Laufschuhe aus einer privaten Sammlung. Die goldenen Bänder führen durch die Teil-Ausstellung, im Raum „Hass“ werden sie durch blaue Seile abgelöst

Dabei muss es nicht immer etwas Materielles sein, nach dem der Mensch eine Gier entwickelt. Schließlich kennen wir auch die Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung oder Ehre. Auch dazu finden sich in der Ausstellung Exponate. Und schließlich die Frage: Ist Sammelleidenschaft gleichzeitig auch Gier? Ist ein Briefmarken- oder Münzsammler, ein Schmetterlingssammler oder der Liebhaber von Porzellan gierig? Diese Frage thematisiert die Ausstellung mit Hunderten von Laufschuhen hochwertiger Marken hinter Glas: goldene Nikes, pinkfarbene Asics oder auch schneeweise Joggingschuhe von Adidas.

Ein dicker Goldkönig und graue Menschlein

Schließlich kommt der Besucher auch an einer galvanischen Installation an. Drei Becken mit Flüssigkeit und Metallfigürchen, verbunden durch Kupferdrähte und Flüssigkeitsbrücken. Die Glasbecken sind in einem Glaskasten verschlossen, alles schön ausgeleuchtet durch das warme Licht dreier Lampen. Das mittlere der Becken zeigt einen dicken, goldenen Menschen, in den beiden Becken links und rechts befinden sich gräuliche Menschlein, reihenweise aufgehängt an einem Draht.

 „GierHassLiebe was uns bewegt“

Die Idee zu dieser Daniell’schen Zelle hatte die Karlsruher Künstlerin Ulrike Israel. Das Haus der Geschichte war an sie herangetreten mit der Bitte, einen Teil des Themengebietes „Gier“ zu übernehmen, was sie gerne tat. Rund ein Jahr lang suchte die Künstlerin nach einem passenden Aufhänger, bis sie schließlich auf die geschichtliche Tatsache stieß, dass Reichtum schon in der Frühzeit mit Salz zusammen hing. „Das war dann sozusagen die Initialzündung“, berichtet Israel. In der Tat waren schon Menschen in der Jungsteinzeit, etwa die Hallstätter im heutigen Österreich, durch das Salz zu sagenhaftem Reichtum gelangt. Und der Geldadel des späten Mittelalters und der Renaissance ebenso. „Ich war sofort fasziniert von diesem Thema“, erzählt Israel weiter. „Über das Thema Salz kam ich dann darauf, dass es auch Metallsalze gibt, die vor allem in der Nasschemie wichtige Anwendungen finden. Meine Ideen konkretisierten sich.“

 Ulrike Israel, Francia Maliha und Thomas Ulrich führten die Installation der Galvanikbecken durch. Ulrich und Maliha sind an der Pforzheimer Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule. Ulrich als Abteilungsleiter und Leiter der Galvanotechnik, Maliha leitet das Galvaniklabor Ulrike Israel, Francia Maliha und Thomas Ulrich führten die Installation der Galvanikbecken durch. Ulrich und Maliha sind an der Pforzheimer Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule. Ulrich als Abteilungsleiter und Leiter der Galvanotechnik, Maliha leitet das Galvaniklabor

In der Folge recherchierte die Künstlerin unter anderem am Institut für chemische Physik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Wissenschaftler dort erläuterten ihr nicht nur das Basiswissen von Beschichtungen, sie beschichteten auch selbst Werkstoffe per Plasmatechnik mit feinen Goldschichten. Und so kam Ulrike Israel schließlich zur Galvanik.

Hilfe bei der Umsetzung fand sie an der Pforzheimer Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule. Der Abteilungsleiter und Leiter der Galvanik Thomas Ulrich war in den folgenden Wochen Israels Projektpartner und wichtiger Ratgeber. Anlässlich eines Gesprächs fiel die Bezeichnung „Opferanode“ und die passte zum Thema Gier wie kaum eine andere. Schließlich hinterlassen gierige Menschen oft Opfer.

 Anlässlich eines Gesprächs fiel die Bezeichnung „Opferanode“ und die passte zum Thema Gier wie kaum eine andere

Und so stellt sich die galvanische Installation in Stuttgart schlussendlich so dar, dass das Becken mit dem dicken Goldkönig mit Zitronensäure gefüllt ist, während die Begleitbecken links und rechts Zinkchlorid enthalten. Die Becken sind über eine Salzbrücke verbunden und die Metalle mit einem Stromleiter. Vom unedlen Zink fließt nun Strom zum edlen Gold, frisst die grauen Menschlein im wahrsten Sinne des Wortes auf und macht den dicken Goldjungen noch reicher.

Das technische Prinzip der Installation: Durch den Potentialunterschied fließt Strom aus den äußeren Becken ins zentrale Becken. Das unedle Zink löst sich dabei auf (Grafik: Micha Dannert/alle Fotos: Heinz Käsinger)Das technische Prinzip der Installation: Durch den Potentialunterschied fließt Strom aus den äußeren Becken ins zentrale Becken. Das unedle Zink löst sich dabei auf (Grafik: Micha Dannert/alle Fotos: Heinz Käsinger)

„Ich habe damit auch einen aktuellen Bezug auf die derzeitige Pandemiesituation geschaffen“, erzählt die Künstlerin. „Forbes zum Beispiel meldet in Deutschland 153 Milliardäre, viele von ihnen sind durch und mit der Krise reich geworden.“

Die Sicherheit der Anlage war oberstes Gebot

Obwohl ein Daniell’sches Element ein relativ simpler galvanischer Aufbau ist, mussten doch einige Dinge beachtet werden. Thomas Ulrich: „Das Museum bestand aus Sicherheitsgründen darauf, dass keine gefährlichen Chemikalien zum Einsatz kommen und durch die chemischen Abläufe auch keine gefährlichen Substanzen entstehen können.“ Das konnte Ulrich garantieren – mit einer kleinen Ausnahme. Beim chemischen Prozess entsteht Wasserstoff. Doch dessen Menge konnte durch die geringe Dimensionierung der Anlage und der eingesetzten Stoffe vernachlässigbar gehalten werden.

Übrigens: Einen Gegenentwurf zum gierigen Anhäufen von Geld und Gut gibt es auch, nämlich die Leere. In einem völlig leeren Glaskasten in der Mitte des Raumes wird es ab sofort Musikdarbietungen der Studierenden der benachbarten Musikakademie geben. Durch den rundum geschlossenen, etwa zwei Quadratmeter großen Pavillon kann die Musik nur nach oben entweichen, was einen sehr schönen, unaufdringlichen Klang ergibt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 19.9.21 geöffnet. Was danach mit der galvanischen Installation geschieht, ist noch nicht ganz klar. Einfach so abbauen möchte die Künstlerin sie nicht. Und die Chancen für den Erhalt des kleinen Kunstwerks stehen gut. Schon zwei Institutionen haben Interesse an ihm angemeldet: Die Pforzheimer Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule und das Museum für Galvanotechnik in Leipzig.

 

ZUR INFO

Die Künstlerin

Ulrike Israel wurde 1957 in Radolfzell am Bodensee geboren und absolvierte eine Ausbildung zur Holzbildhauerin, die sie mit Anerkennungsurkunde beendete. Es folgten ein Auslandsaufenthalt in Kanada und, 1982, das Staatsexamen in Kunst und Englisch. Anschließend studierte sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Bildhauerei und Grafik. Seit 1993 ist Ulrike Israel freischaffende Künstlerin.

www.ulrikeisrael.de

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