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Mittwoch, 09 Dezember 2020 13:00

Ein Tusch auf Miraphone

von Heinz Käsinger
Geschätzte Lesezeit: 3 - 6 Minuten
Endkontrolle: Nur makellose Instrumente verlassen das Miraphone-Werk in Waldkraiburg Endkontrolle: Nur makellose Instrumente verlassen das Miraphone-Werk in Waldkraiburg

In der Musikwelt hat der Name Miraphone einen hervorragenden Klang. Das Werk im oberbayrischen Waldkraiburg gehört zu den größten – und nobelsten – Herstellern von Blechblasinstrumenten weltweit.

Auch in Zeiten von E-Gitarre und Synthesizern, von Rap und Techno, hat der Klang von Blasinstrumenten seinen Zauber behalten. Viele Zeitgenossen freut das zünftige Auftreten der Trompeter von Kastelruth. Zu Weihnachten schmettert barocke Trompetenmusik von den Kirchtürmen. Und manche Menschen träumen beim klingenden Spiel der vorübermarschierenden Militärkapelle von längst vergangener, wilhelminischer Größe.

Genossen statt Mitarbeitern

Auf einem rotierenden Futter entsteht die spätere Form des Schalltrichters – Oberflächenbehandlung inklusiveAuf einem rotierenden Futter entsteht die spätere Form des Schalltrichters – Oberflächenbehandlung inklusiveTotgesagte leben eben länger und dass Posaunenchöre, Musikvereine und Dixieland-Combos eine Renaissance erleben, ist wahrscheinlich auch ein bisschen der Marke Miraphone zu verdanken. Aus jenem Haus kommen hochwertige Blasinstrumente, die nicht billig sind, jedoch – zu 100 % made in Germany – allen Ansprüchen auch professioneller Musiker genügen.

Im Werk in Waldkraiburg entstehen Trompeten und Flügelhörner, Baritone und Tenorhörner, Posaunen, Euphonien und Tuben. Vorstand Christian Niedermaier: „Wenn Sie so wollen, sind wir einer der wenigen Instrumentenhersteller der Welt, die Basstuben in diesem Umfang fertigen. Etwa 50 % unserer Produktion sind Tuben verschiedener Grundstimmungen.“ Holzblasinstrumente werden bei Miraphone jedoch keine gefertigt.

Wer sich als junger Mensch entschließt, bei Miraphone eine Ausbildung zu absolvieren, zum Beispiel zum Metallblasinstrumentenmacher, für den ist das oft eine Entscheidung fürs Leben. Miraphone ist genossenschaftlich organisiert und der Mitarbeiter, derzeit sind es 90, wird auf Wunsch Genosse, das heißt Mitinhaber des Unternehmens. Vielleicht ist in dieser besonderen Mitarbeiter-Unternehmensbeziehung begründet, dass die Waldkraiburger besonders motiviert sind, außergewöhnliche Qualität zu liefern. Und: Die meisten der Mitarbeiter spielen selbst ein Blasinstrument. Dass das aus dem eigenen Haus kommt, ist Ehrensache.

Die Qualität ist übrigens historisch bedingt. Gegründet wurde das Unternehmen 1946 von 13 Musikinstrumentenbauern aus dem sudetendeutschen Graslitz (heute Kraslice). In Graslitz lag bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Zentrum des deutschen Musikinstrumentenbaus. Die Deutschen wurden durch die Benes-Dekrete vertrieben. Viele davon siedelten sich in Waldkraiburg an und brachten das umfassende Know-how mit.

Am Anfang des Werdeprozesses eines Metallblasinstruments steht das Metallblech. Messing ist erste Wahl, je nach Art des Instruments in verschiedenen Stärken. Mittels einer Schablone wird die Grundform des Schallstücks auf eine Messingplatte geritzt und ausgeschnitten. Aus dem zweidimensionalen Blechstück wird dann das dreidimensionale Schallrohr in Handarbeit geformt. Wo die Kanten aufeinanderstoßen, werden sie sorgfältig miteinander verzahnt, verlötet und verhämmert. Das geschieht so gekonnt, dass die Naht am späteren Instrument nicht mehr erkennbar ist.

Je länger ein Instrument, desto tiefer klingt es

Ventilfertigung ist Präzisionsarbeit. Verbaut werden hauptsächlich Pump- und Drehventile Ventilfertigung ist Präzisionsarbeit. Verbaut werden hauptsächlich Pump- und Drehventile Das Schallstück kommt dann auf eine rotierende Form, wo es sein endgültiges Aussehen erhält. Dabei wird unter anderem der Trichterrand für mehr Stabilität und Klangqualität umgebördelt. Und auch eine erste Oberflächenbehandlung wird vorgenommen.

In der Zwischenzeit fertigen andere Mitarbeiter auf einer entsprechenden Biegevorrichtung die Stimmbögen für das Instrument. Es entstehen eher großzügige Bögen größeren Durchmessers, sehr kleine mit sehr engen Durchmessern und verschiedenen Längen. Der Zweck dieser Stimmbögen ist es, mittels Betätigung der Ventile der Luftsäule im Innern des Instruments einen anderen Weg zu geben. Der Luftstrom wird dadurch länger oder kürzer und so entstehen die verschieden hohen Töne. Ein längerer Weg bedeutet einen tieferen, ein kürzerer Weg einen höheren Ton.

Christian Niedermaier: „Diese Ventile wurden erst um 1830 erfunden. Vorher musste man die unterschiedlichen Töne durch das so genannte Stopfen erzeugen. Der Musiker verschloss mit einer Hand den Schalltrichter des Instruments mehr oder weniger wirksam. Das war eine schwierige und anstrengende Art zu musizieren.“

Heute sind vor allem zwei Ventilsysteme an Trompete, Horn & Co. im Einsatz. Das Flügelventil, auch Drehventil genannt oder das Périnet-Ventil, auch Pumpventil genannt. Beide Arten haben dieselbe Wirkung. Für welches System sich der Musiker entscheidet, ist seinem Geschmack – und der Art der Musik – überlassen.

Ein gebundenes Legato ist auf einen Drehventil besser zu spielen. Mit einem Pumpventil hingegen wird die Luftsäule unterbrochen, die einzelnen Töne kommen klarer, aber man kann man die Töne auch „schlenzen“, eine Eigenschaft, die vor allem in der Jazzmusik gefragt ist.

Polieren ist eine harte Arbeit – nur große Flächen werden maschinell poliert

Während der Montage des Instruments werden die verschiedenen Teile immer wieder poliert. Das Material wird jedoch durch die Erwärmung während verschiedener Lötprozesse wieder dunkel und unansehnlich.

Die endgültige Oberflächenbehandlung findet deshalb erst nach der kompletten Verlötung aller Teile miteinander statt. Und da ist ganz viel schweißtreibende Handarbeit gefordert. In den engen Ecken und Schleifen eines Instruments kann man nur beschränkt mit Maschinen operieren, das gute alte Poliertuch leistet hier gute Dienste. Große Flächen werden maschinell bearbeitet.

 

 Bei diesem Arbeitsschritt werden an einer Basstuba die Ventile angebracht, in diesem Fall sind es Drehventile, auch Flügelventile genannt   Bei diesem Arbeitsschritt werden an einer Basstuba die Ventile angebracht, in diesem Fall sind es Drehventile, auch Flügelventile genannt

 In den engen Winkeln zwischen den Zügen ist Handarbeit gefragt. Poliertücher und -Pasten sind die klassische Methode  In den engen Winkeln zwischen den Zügen ist Handarbeit gefragt. Poliertücher und -Pasten sind die klassische Methode

 

90 % der Stücke werden lackiert, nur 10 % galvanisiert

Optimistisch in die  Zukunft blickt Vorstand  Christian Niedermaier  Optimistisch in die Zukunft blickt Vorstand Christian Niedermaier Abschließend wird das Instrument beschichtet. Niedermaier: „90 Prozent aller Metallblasinstrumente werden lackiert. Nur etwa 10 Prozent werden mit einer galvanisch aufgebrachten Schicht versehen. Dabei dominiert Silber.“ In der Tat sind es 9 von 10 der galvanisierten Instrumente, die versilbert werden – nicht zuletzt eine Preisfrage. Deshalb sind es vor allem auch die kleinen Stücke, die beschichtet werden. Niedermaier erklärt: „Angenommen, Sie wollten eine Basstuba vergoldet haben. Da das in der Praxis nie vorkommt, müsste der Galvaniseur ein extra Goldbad ansetzen und das in einer Größe, die der Tuba gerecht wird. Mein Schätzpreis liegt da zwischen 5000 und 7000 Euro – zusätzlich zum Preis des Instruments.“

Während man in Waldkraiburg auch den finalen Arbeitsschritt des Lackierens durchführt, eine entsprechende Lackierkabine ist in den Fertigungsprozess integriert, gibt man die zu galvanisierenden Instrumente außer Haus zu einem Spezialisten – die ÖGUSSA in Wien hat das für Miraphone übernommen.

Für den Musiker stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob das Aufbringen einer Schicht die Tonqualität des Instruments verändert. „Ja“, antwortet Niedermaier. „Aber der Ton wird nicht schlechter, er wird nur anders. Und das ist vor allem eine Geschmacksfrage.“

ZUR INFO

Die Grundstimmung der Instrumente

Beim Grundton des Instruments ist die halbe Wellenlänge annähernd gleich der Rohrlänge. Hierdurch ist die Grundstimmung festgelegt. Die Frequenz f (Maßeinheit Hertz, Hz) hängt mit der Rohrlänge l (gemessen in Metern) und der Schallgeschwindigkeit c in Luft (gemessen z. B. in Metern pro Sekunde) zusammen nach der Gleichung

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Daraus kann zu einer gegebenen Frequenz (Tonhöhe) näherungsweise die Länge oder umgekehrt zur Länge die Frequenz berechnet werden.

Als Faustformel gilt: Je kürzer ein Instrument ist, desto höher klingt es. Eine B-Piccolotrompete ist etwa 65 cm lang und liegt deshalb eine Oktave über der normalen B-Trompete, die rund 1,30 Meter lang ist. Wiederum eine Oktave tiefer liegt das B-Tenorhorn, das knapp 2,70 Meter lang ist.



ZUR INFO

Miraphone auf einen Blick

Miraphone wurde im Jahr 1946 in Waldkraiburg gegründet. 13 aus dem heute tschechischen Graslitz (Kraslice) nach dem 2. Weltkrieg vertriebene Instrumentenbauer schlossen sich zusammen. Das Unternehmen ist genossenschaftlich organisiert, d. h. jeder der 90 Mitarbeiter ist als Genosse Mitinhaber des Unternehmens.

Im Portfolio sind Tuben (50 % des Fertigungsumfangs), Trompeten, Flügelhörner, Baritone, Tenorhörner, Posaunen und Euphonien – allesamt im Premiumbereich angesiedelt. Umsatzzahlen werden nicht bekanntgegeben.

Weitere Informationen

  • Ausgabe: 11
  • Jahr: 2020
  • Autoren: Heinz Käsinger

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